Zu viel Gefühl? Die dunkle Seite der Empathie
Empathie hat ein verdammt gutes Image. Wer empathisch ist, gilt als warmherzig, sozial und verständnisvoll. Politiker sollen mehr davon zeigen, Führungskräfte sowieso, Männer ganz besonders – und eigentlich könnte die ganze Gesellschaft eine ordentliche Extraportion gebrauchen.
Nur gibt es ein Problem: Empathie macht uns nicht automatisch zu besseren Menschen.
Sie kann sogar das Gegenteil bewirken. Wer besonders stark mit der eigenen Gruppe mitfühlt, kann gegenüber anderen Gruppen feindseliger reagieren. Menschen können das Leid der einen intensiv nachempfinden und gleichzeitig Schadenfreude empfinden, wenn es die vermeintlich Richtigen trifft. Empathie verbindet also nicht nur. Sie kann auch Grenzen ziehen.
Willkommen auf ihrer dunklen Seite.
Dein Schmerz geht mir näher als seiner
Unser Einfühlungsvermögen arbeitet nicht wie eine neutrale moralische Instanz. Wir reagieren stärker auf manche Menschen als auf andere. Nähe spielt eine Rolle, ebenso gemeinsame Erfahrungen, Zugehörigkeit und die Frage, ob wir jemanden als Teil unserer eigenen Gruppe wahrnehmen.
Das ist zunächst ziemlich praktisch. Würden uns die Sorgen jedes unbekannten Menschen genauso beschäftigen wie die unserer besten Freundin, wären wir vermutlich schon vor dem Frühstück emotional erledigt.
Problematisch wird es dort, wo aus Nähe Parteilichkeit entsteht.
Forscher der University of Houston untersuchten den Zusammenhang zwischen Empathie und politischer Polarisierung in den USA. Das überraschende Ergebnis: Menschen mit stärker ausgeprägter empathischer Anteilnahme waren nicht automatisch toleranter. Sie zeigten teilweise sogar eine stärkere politische Parteilichkeit. In einem Experiment mit mehr als 1.200 Studierenden ging es unter anderem um die Frage, wie Menschen auf die Misshandlung eines politischen Gegners reagieren. Ausgerechnet bei besonders empathischen Versuchspersonen zeigte sich stärker, dass es darauf ankam, wen es getroffen hatte.
Mit anderen Worten: Viel Mitgefühl für die eigenen Leute kann mit weniger Wohlwollen gegenüber den anderen einhergehen.
Eine Untersuchung im Libanon kam bei politischen und religiösen Gruppen zu einem ähnlichen Ergebnis: Gehörte das Opfer politischer Repression zur gegnerischen Gruppe, berichteten die Befragten weniger Empathie und mehr Schadenfreude. Besonders starke Verbundenheit mit der eigenen Gemeinschaft konnte die emotionale Grenze nach außen sogar verstärken.
Empathie ist also nicht blind.
Ganz im Gegenteil: Sie schaut manchmal verdammt genau auf den Mitgliedsausweis.
Verstehen ist nicht dasselbe wie mitfühlen
An dieser Stelle lohnt sich doch ein wenig Begriffsarbeit, denn unter „Empathie“ werden verschiedene Fähigkeiten zusammengeworfen.
Emotionale Empathie bedeutet, dass die Gefühle eines anderen Menschen in uns selbst eine emotionale Reaktion auslösen. Jemand weint – und uns steigen ebenfalls die Tränen in die Augen.
Kognitive Empathie funktioniert anders. Wir verstehen, was in einem Menschen vorgeht, ohne zwangsläufig dasselbe zu fühlen. Ich kann erkennen, warum jemand wütend, ängstlich oder verletzt ist, obwohl ich seine Wut, Angst oder Verletzung nicht teile.
Das klingt nach einem akademischen Detail, ist aber gesellschaftlich ziemlich entscheidend.
Denn um einen politischen Gegner, einen nervigen Kollegen oder den Exfreund zu verstehen, muss man dessen Gefühle nicht übernehmen. Man muss ihm nicht einmal sympathisch finden.
Empathie und Sympathie sind ohnehin verschiedene Dinge. Und Empathie ist erst recht kein Einverständnis.
Vielleicht besteht eine der wichtigsten sozialen Fähigkeiten deshalb gerade darin, einen Menschen verstehen zu können, den man nicht mag.
Sind Schwule empathischer?
An dieser Stelle wird es für CHECK besonders interessant. Denn es wurde tatsächlich untersucht, ob sexuelle Orientierung mit Empathie zusammenhängen könnte.
Eine neurowissenschaftliche Studie ließ 52 heterosexuelle und homosexuelle Frauen und Männer emotionale Situationen beurteilen und untersuchte dabei auch ihre Gehirnaktivität. Die Forschenden fanden Unterschiede: Menschen, die sich sexuell zu Männern hingezogen fühlten – in der Untersuchung also heterosexuelle Frauen und homosexuelle Männer –, zeigten stärkere empathische Reaktionen als jene, die sich zu Frauen hingezogen fühlten.
Auch in Bereichen der temporoparietalen Verbindung, kurz TPJ, fanden die Forschenden Unterschiede. Diese Hirnregion wird unter anderem mit der Fähigkeit in Verbindung gebracht, mentale Zustände anderer Menschen zu erschließen.
Die wunderbar einfache Schlagzeile wäre also: Schwule Männer sind empathischer als heterosexuelle.
So einfach ist es natürlich nicht.
Die Untersuchung war klein. Und andere Forschungsarbeiten konnten entsprechende Unterschiede zwischen homosexuellen Männern sowie heterosexuellen Männern und Frauen nicht bestätigen. Aus solchen Experimenten lässt sich deshalb kein Empathie-Ranking sexueller Orientierungen basteln.
Interessanter ist die Frage dahinter: Wie stark wird Einfühlungsvermögen von unseren Erfahrungen geprägt?
Wer gelernt hat, die Stimmung eines Raumes schnell einzuschätzen, Zugehörigkeit auszuhandeln oder mögliche Ablehnung früh zu erkennen, könnte soziale Signale anders verarbeiten als jemand, für den solche Fragen weniger relevant waren. Das wäre zumindest eine interessante Erklärung – aber eben eine Hypothese und keine angeborene schwule Superkraft.
Schade eigentlich.
Das Gehirn hat keinen Empathie-Knopf
Lange Zeit schien die Neurowissenschaft dafür eine wunderbar elegante Erklärung zu besitzen: Spiegelneuronen.
Sie wurden ursprünglich bei Makaken entdeckt. Bestimmte Nervenzellen reagierten sowohl dann, wenn die Tiere selbst eine Handlung ausführten, als auch beim Beobachten einer ähnlichen Handlung. Daraus entstand eine faszinierende Idee: Vielleicht „spiegelt“ unser Gehirn auch die Erfahrungen anderer Menschen und ermöglicht uns dadurch Empathie.
Populärwissenschaftlich wurde daraus irgendwann fast ein kleiner Menschlichkeitsapparat im Kopf.
So eindeutig ist die Forschung nicht.
Auch beim Menschen reagieren bestimmte neuronale Systeme sowohl auf eigene als auch auf beobachtete Handlungen. Studien finden außerdem Zusammenhänge zwischen Aktivität in mutmaßlichen Spiegelneuronensystemen und bestimmten Formen von Empathie. Doch Empathie auf Spiegelneuronen zu reduzieren, gilt heute als viel zu simpel. Eine Metaanalyse von 52 Studien fand zwar Zusammenhänge mit emotionaler und kognitiver Empathie, betonte aber zugleich erhebliche methodische Unterschiede und offene Fragen.
Unser Gehirn besitzt also offenbar keinen kleinen Schalter mit der Aufschrift MITMENSCHLICHKEIT.
Vielleicht wäre das auch zu einfach gewesen.
Wenn das Mitgefühl Dauerfeuer bekommt
Und dann kam das Smartphone.
An einem gewöhnlichen Morgen können wir beim Kaffee innerhalb weniger Minuten einen zerbombten Straßenzug sehen, den verzweifelten Post eines Bekannten, einen homophoben Angriff, einen Hund im Tierheim, eine Krebsdiagnose, drei politische Skandale und anschließend jemanden auf den Malediven, der darüber klagt, dass sein Hotelzimmer keinen direkten Poolzugang hat.
Für unser Gefühlsleben ist das eine bemerkenswerte Zumutung.
Das bedeutet allerdings nicht, dass soziale Medien uns automatisch empathielos machen. Die menschliche Aufmerksamkeit ist begrenzt. Wir können nicht jedes Schicksal, das über einen Bildschirm flimmert, so verarbeiten wie die Trennung eines Freundes, der gerade an unserem Küchentisch sitzt.
Gleichzeitig konkurrieren soziale Netzwerke um Aufmerksamkeit – und emotional aufgeladene Inhalte eignen sich hervorragend dafür. Empörung, Angst, Begeisterung und moralische Entrüstung bringen Menschen dazu, zu reagieren und Inhalte weiterzugeben. Was wir besonders häufig sehen, kann dadurch den Eindruck erzeugen, es sei besonders häufig vorhanden.
Empathie gerät so in ein merkwürdiges Spannungsfeld: Einerseits erfahren wir vom Leid von Menschen, denen wir früher niemals begegnet wären. Andererseits verlangt der nächste Inhalt schon Sekunden später eine vollkommen neue emotionale Reaktion.
Irgendwann wischt der Daumen weiter.
Die ältere Dame in der U2
Dafür braucht es allerdings kein Internet.
Morgens in der Berliner U2 reicht vollkommen.
Wenn ein Waggon voll genug ist, reduziert sich die Menschheit erstaunlich schnell auf Jacken, Rucksäcke, Ellbogen und Personen, die aus unerfindlichen Gründen genau vor der Tür stehen bleiben. Kopfhörer rein, Blick aufs Handy, Zombie-Modus.
Das ist nicht unbedingt ein Zusammenbruch der Zivilisation. Es ist zunächst Reizregulation. Kein Mensch kann ständig die Gefühle sämtlicher Personen um sich herum verarbeiten.
Interessant wird es erst, wenn wir diesen Modus nicht mehr verlassen.
Vor uns läuft eine ältere Dame sehr langsam die Treppe hinauf. Wir haben es eilig. Plötzlich ist sie keine Person mehr, sondern ein Hindernis. Sie nimmt uns Zeit weg. Sie blockiert die Rolltreppe. Sie könnte doch wenigstens –
Moment.
Sie läuft nicht langsam, damit wir unseren Termin verpassen.
Das klingt banal. Aber genau in solchen Sekunden zeigt sich die nützlichste Seite von Empathie: Nicht darin, den Zustand der Frau emotional zu übernehmen. Wir müssen ihre Knie nicht spüren. Es reicht, für einen Moment eine andere Erklärung als die eigene in Betracht zu ziehen.
Vielleicht brauchen wir gar nicht mehr Empathie
Das führt zu einer unbequemen Frage: Ist „mehr Empathie“ überhaupt ein sinnvolles gesellschaftliches Ziel?
Wer jedes Gefühl anderer Menschen ungefiltert übernimmt, wird dadurch nicht automatisch hilfsbereiter. Er kann auch erschöpft, überfordert oder manipulierbar werden. In Beziehungen kann grenzenloses Einfühlen sogar dazu führen, dass man das Verhalten anderer permanent entschuldigt.
Er hatte eine schwere Kindheit.
Sie hat Angst, verlassen zu werden.
Er meint das eigentlich nicht so.
Alles kann stimmen. Nichts davon verpflichtet uns, schlechtes Verhalten hinzunehmen.
Verstehen ist keine Absolution.
Vielleicht brauchen wir deshalb nicht möglichst viel emotionale Empathie, sondern eine bessere Mischung: wahrnehmen, verstehen, mitfühlen – und trotzdem unterscheiden können, wo der andere aufhört und man selbst beginnt.
Das gilt im Privaten genauso wie politisch.
Wer ausschließlich mit Menschen mitfühlt, die ohnehin dieselben Überzeugungen haben, braucht schließlich nicht mehr Empathie. Er braucht eine größere Reichweite.
Die Sprache des Herzens
Der deutsch-jüdische Psychoanalytiker Arno Gruen schrieb Anfang der 1990er-Jahre von einer „Sprache des Herzens“. Für ihn hing menschliche Destruktivität auch damit zusammen, dass Menschen den Zugang zu eigenen Gefühlen und zum Erleben anderer verlieren.
Drei Jahrzehnte später wirkt die Vorstellung fast altmodisch schön.
Nur sollte die Sprache des Herzens vielleicht mehr als einen Dialekt beherrschen.
Empathie wird erst dann interessant, wenn sie nicht bei den Menschen endet, die uns ähneln. Wenn wir einen anderen Standpunkt zumindest verstehen können, ohne ihn übernehmen zu müssen. Wenn wir Mitgefühl zeigen können, ohne uns selbst aufzugeben. Und wenn wir akzeptieren, dass auch ein Mensch, den wir nicht mögen, ein komplexeres Innenleben besitzt als die Rolle, die wir ihm gerade zugedacht haben.
Empathie macht uns nicht automatisch zu besseren Menschen.
Aber vielleicht gibt sie uns die Möglichkeit, andere überhaupt erst wieder als Menschen wahrzunehmen.
Weiterführende Quellen:
- Simas, Elizabeth N.; Clifford, Scott; Kirkland, Justin H. (2020): How Empathic Concern Fuels Political Polarization. American Political Science Review
- Ash, Konstantin; Dolan, Thomas M. (2021): Politics of interconfessional empathy and Schadenfreude in Lebanon.Conflict Management and Peace Science
- Perry, David et al. (2013): The gender you are and the gender you like: Sexual preference and empathic neural responses. Brain Research
- Bekkali, Soukayna et al. (2021): Is the Putative Mirror Neuron System Associated with Empathy? A Systematic Review and Meta-Analysis. Neuropsychology Review
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