HIV, Zahnarztbesuche und die Folgen von Stigmatisierung
Wer mit HIV lebt, kennt diese Frage oft schon auswendig: Muss ich das wirklich sagen?
Für viele Menschen gehört die HIV-Diagnose längst zum medizinischen Alltag. Moderne Therapien ermöglichen ein langes und gesundes Leben. Menschen mit erfolgreicher Behandlung können HIV zudem sexuell nicht weitergeben. Dennoch erleben Betroffene auch heute noch Situationen, in denen überholte Vorstellungen und Unsicherheit den Umgang bestimmen – manchmal mit konkreten Folgen für die Gesundheit.
P. möchte anonym bleiben. Nicht, weil er sich für seine HIV-Infektion schämt, sondern weil er nach einer Erfahrung im Gesundheitswesen vorsichtiger geworden ist.
„Ich habe mich dort eigentlich immer wohlgefühlt“, erzählt der heute über Vierzigjährige. Zweimal im Jahr ging er zur professionellen Zahnreinigung, regelmäßig zu Kontrolluntersuchungen und hatte Vertrauen in seine Zahnarztpraxis. Dass seine Termine für die Zahnprophylaxe stets nur an bestimmten Tagen und häufig erst nach Ende der regulären Sprechzeiten vergeben wurden, hinterfragte er lange nicht.
„Ich dachte, das wäre normal.“
Erst als ihn eines Nachts starke Zahnschmerzen in eine Notfallpraxis führten, begann er zu zweifeln. Dort wurden mehrere kariöse Stellen festgestellt, darunter schwer einsehbare Bereiche zwischen den Zähnen sowie Veränderungen, die nach Einschätzung der behandelnden Ärzte bereits länger bestanden haben dürften. Zusätzlich wurde eine beginnende Parodontitis diagnostiziert.
Für P. begann eine monatelange Behandlung. Mehrere Zähne mussten versorgt werden, hinzu kamen erhebliche Eigenkosten.
„In dem Moment habe ich mich gefragt, warum das niemand früher bemerkt hat.“
Ob die medizinischen Probleme unmittelbar mit seiner früheren Behandlung zusammenhängen, lässt sich heute nicht mehr eindeutig feststellen. Was ihn jedoch bis heute beschäftigt, ist die Erkenntnis, dass sein HIV-Status offenbar eine größere Rolle spielte als er selbst angenommen hatte.
Wenn Vorurteile den Behandlungsalltag bestimmen
Dass solche Erfahrungen kein Einzelfall sind, berichtet auch der Berliner Zahnarzt Lorenzo Ianello.
Während seiner Tätigkeit als Assistenzzahnarzt erlebte er mehrfach, wie Kolleginnen und Kollegen auf HIV-positive Patient*innen reagierten.
„Es gab die Vorstellung, dass Menschen mit HIV grundsätzlich nur am Ende des Tages behandelt werden sollten, weil danach eine besondere Desinfektion notwendig sei“, erinnert er sich.
Aus medizinischer Sicht gibt es dafür jedoch keinen Grund. In Zahnarztpraxen gelten für alle Patient*innen dieselben Hygienestandards. Instrumente müssen grundsätzlich so aufbereitet werden, dass eine Übertragung von Krankheitserregern ausgeschlossen wird – unabhängig davon, ob jemand HIV hat oder nicht.
Besonders irritierend fand Ianello, dass wissenschaftliche Informationen häufig wenig Einfluss auf bestehende Ängste hatten.
„Selbst wenn man erklärte, dass die Person seit Jahren erfolgreich behandelt wird und keine Übertragungsgefahr besteht, blieben manche Vorbehalte bestehen.“
Schließlich entschied er sich, die Praxis zu verlassen.
U = U: Was viele noch immer nicht wissen
Einer der Gründe für anhaltende Stigmatisierung ist fehlendes Wissen.
Seit Jahren gilt in der HIV-Medizin der Grundsatz U = U – Undetectable equals Untransmittable. Menschen, deren Viruslast durch eine erfolgreiche Therapie dauerhaft unter der Nachweisgrenze liegt, können HIV sexuell nicht weitergeben.
Für den Alltag vieler Betroffener hat diese Erkenntnis vieles verändert. Gleichzeitig zeigen Erfahrungen aus Arztpraxen, Pflegeeinrichtungen oder dem privaten Umfeld, dass dieses Wissen noch längst nicht überall angekommen ist.
Die Folge sind oft Unsicherheit, Sonderbehandlungen oder Situationen, in denen Betroffene das Gefühl haben, sich rechtfertigen zu müssen.
Diskriminierung kann krank machen
Diskriminierung zeigt sich nicht immer durch offene Ablehnung. Oft beginnt sie viel subtiler.
Wenn Patient*innen Termine nur zu bestimmten Zeiten erhalten. Wenn unnötige Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden. Wenn Menschen das Gefühl bekommen, sie seien ein besonderes Risiko.
Viele akzeptieren solche Situationen zunächst, weil sie Ärzt*innen vertrauen oder Konflikte vermeiden möchten.
Genau darin liegt das Problem.
Wer sich nicht respektiert fühlt, wechselt häufiger den Arzt, vermeidet Behandlungen oder spricht gesundheitliche Probleme später an. Studien zeigen seit Jahren, dass Stigmatisierung im Gesundheitswesen die gesundheitliche Versorgung beeinträchtigen kann.
Für P. bleibt vor allem ein Gedanke zurück:
„Am meisten ärgert mich, dass ich so lange dachte, das wäre alles normal.“
Hilfe bei Diskriminierung im Gesundheitswesen
Wer Diskriminierung im medizinischen Bereich erlebt, muss damit nicht allein bleiben. Beratungsangebote bieten Unterstützung bei der Einordnung von Vorfällen und informieren über mögliche Beschwerdewege.
Anlaufstellen sind unter anderem die Antidiskriminierungsstelle des Bundes sowie regionale Beratungsstellen und Community-Organisationen.
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