Alkohol unter schwulen Männern – warum schauen wir weg?

Mann läuft allein an geschlossener Hauswand in der Stadt – Symbol für Einsamkeit und psychische Belastung bei Alkoholkonsum unter Männern

In Deutschland sind schätzungsweise 1,77 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren alkoholabhängig und 1,61 Millionen trinken missbräuchlich (Datenstand: ca. 2022). Die Forschung zeigt, dass Männer signifikant mehr Alkohol konsumieren als Frauen und auch häufiger alkoholabhängig sind. 2015 wiesen 29 Prozent der 18- bis 59-jährigen Männer im Vergleich zu 11 Prozent der Frauen einen problematischen, klinisch relevanten Alkoholkonsum auf.

Alkoholmissbrauch und dessen Folgen sind die zweithäufigste Ursache für Krankenhausbehandlungen in Deutschland. Mehr als 150 internistische, neurologische und psychiatrische Diagnosen werden mit Alkoholmissbrauch assoziiert. Schätzungen zufolge sterben jährlich etwa 74.000 Menschen an den Folgen ihres Alkoholkonsums. Obwohl ungefähr drei Viertel der Betroffenen Männer sind, gibt es kaum männerspezifische Hilfekonzepte. Zahlen aus dem Jahr 2016 zeigen, dass bereits im Jugendalter von 12-17 Jahren mehr als doppelt so viele Jungen (14 Prozent) wie Mädchen (6 Prozent) regelmäßig Alkohol trinken. Der höhere Konsum und die bessere Verträglichkeit von Alkohol sind Risikofaktoren für eine Suchtentwicklung. 

Die Kategorien des Alkoholkonsums

Riskanter Konsum, bei dem sich das Krankheitsrisiko nachweislich erhöht, beginnt bei Männern ab 24g, bei Frauen ab 12g Reinalkohol pro Tag an maximal vier bis fünf Tagen die Woche. Bei bis zu 24g bzw. 12g täglich spricht man von risikoarmen / bedingt riskantem Konsum. Es gibt keinen gesundheitsförderlichen Konsum von Alkohol und der Konsum ist nie risikofrei – so die Studienlage.

Das Trinken größerer Mengen pro Trinkepisode ist – unabhängig von der durchschnittlich konsumierten Alkoholmenge – mit einem gesundheitlichen Risiko verbunden. Dieses sogenannte „Binge-Drinking“, auch als „Rauschtrinken“ bezeichnet, beginnt bei Männern ab fünf Gläsern mit 10g Alkohol pro Trinkeinheit, bei Frauen ab vier Gläsern.

Alkoholmissbrauch bzw. schädlicher Konsum beginnt, unabhängig von der getrunkenen Menge, bei körperlichen oder psychischen Schäden durch den Konsum.

Eine Abhängigkeit liegt vor, wenn innerhalb der letzten 12 Monate mindestens drei der folgenden Kriterien gleichzeitig vorhanden sind:

  • Craving (Zwang / starkes Verlangen nach Alkohol)
  • Verminderte Kontrollfähigkeit über Beginn, Menge und Beendigung des Konsums
  • Toleranzentwicklung
  • Entzugserscheinungen
  • Andere Vergnügungen oder Interessen werden zu Gunsten des Alkoholkonsums vernachlässigt, erhöhter Zeitaufwand für Beschaffung, Konsum und Erholung
  • Konsum trotz schädlicher körperlicher, geistig-psychischer oder sozialer Folgen

Die Good News: Auch wenn nicht alle körperlichen Folgen revidiert werden können, ist eine Heilung in Form einer völligen Abstinenz oder eines kontrollierten Konsums, selbst bei einer starken Abhängigkeitserkrankung, möglich.

Queere Menschen sind besonders anfällig

Alkohol ist eine der Hauptursachen vorzeitiger Sterblichkeit. Neben der Beeinträchtigung der Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit sowie der Wahrnehmung und Urteilskraft bereits bei kleinen Mengen erhöht Alkohol das Risiko für vielerlei Krankheiten. So können die Leber, die Bauchspeicheldrüse, das Gehirn und Nervensystem sowie Blut und Herz-Kreislauf-System, der Hormonhaushalt, die Muskulatur als auch das Immunsystem geschädigt werden. Zudem gehört Alkohol zu den „Top 10“ der Krebsauslöser – vor allem für Krebs in Mund, Rachen, Speiseröhre, Dick- und Enddarm und der Brust bei Frauen. Aber auch psychische Beeinträchtigungen wie Stimmungsschwankungen, Angstzustände, Depressionen bis hin zu einer Suizidgefährdung können durch längeren Alkoholmissbrauch verursacht werden.

Doch eine Gruppe fällt beim Thema Alkoholkonsum besonders auf: Queere Menschen, darunter insbesondere schwule und bisexuelle Männer. In der US-amerikanischen National Health Interview Survey (NHIS) zeigte sich bereits 2014, dass im Vergleich zu 26 Prozent der heterosexuellen Menschen, 35 Prozent der Schwulen und Lesben sowie 42% der Bisexuellen in den vorherigen zwölf Monaten mindesten einmal Binge-Drinking betrieben haben. Bei den Männern waren es sogar 56 Prozent der bisexuellen und 42 Prozent der schwulen im Vergleich zu 35 Prozent der heterosexuellen. 

Die Studienlage zeigt weltweit gesundheitliche Disparitäten zwischen sexuellen Minderheiten und der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft. Eine aktuelle Analyse zeigte zudem, dass schwule Männer ein höheres Risiko für psychische Erkrankungen haben als heterosexuelle. Auch die Gesundheitsberichterstattung des Bundes machte 2020 darauf aufmerksam, dass nicht nur Alkoholismus unter schwulen und bisexuellen Männern stärker ausgeprägt ist, sondern auch Drogenabhängigkeit, Angststörungen, Depressionen und Suizidalität. Die Zahlen verdeutlichen alarmierend, dass wir bei LGBTI*-Personen von gesundheitlicher Chancengleichheit noch weit entfernt sind. 

Zurückgeführt werden die gesundheitlichen Disparitäten auf immer noch herrschende Stigmatisierungs-, Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen. Alltägliche Mikroaggressionen gehören immer noch zum Leben von LGBTI*-Personen. Die eigene Identität muss oft oder lange verheimlicht werden und Ablehnung wird bereits erwartet. Die negativen gesellschaftlichen Einstellungen zur eigenen Sexualität können so stark verinnerlicht sein, dass es sich gravierend auf die Gesundheit auswirkt. Konversionsbehandlungen zur „Umpolung von Homosexuellen“ sind hierzulande erst seit 2020 für Kinder und Erwachsene, die dem nicht freiwillig zustimmen, verboten. Wer heute erwachsen und homosexuell ist, wuchs in einem homophoben Klima ohne positive LGBTI*-Vorbilder auf, in dem der Begriff „schwul“ noch weitläufig als Schimpfwort benutzt wurde und Mobbing in der Schulzeit fast unausweichlich war. Noch immer sind Hassverbrechen gegen LGBTI*-Personen europaweit verbreitet und die Zahl an Gewaltdelikten an queeren Menschen steigt in Deutschland, sodass von einem freien Leben keine Rede sein kann. Bereits frühzeitig internalisierte Homophobie, Scham und (Selbst-)Abwertung können langfristige Schäden hinterlassen und Alkoholmissbrauch begünstigen.

So ist es nicht verwunderlich, dass psychische und Suchtprobleme allgemein in der LGBTI*Community häufiger auftreten. Trotzdem hören wir kaum etwas davon. Die britische Zeitung The Guardian spricht gar von einer „stillen Gesundheitskrise“ und einer toxischen Kombination aus psychischem Stress, Alkohol und Drogen, die nicht adressiert wird. 

Eskapismus und Eskalation

Wer in der Szene unterwegs ist, dem fällt schnell jemand ein, der ein Problem nicht nur mit Alkohol haben könnte. Alkohol und Drogen sind weit verbreitet und für manche Teil des schwulen Lebensstils geworden. Einsamkeit, soziale Ängste und der Wunsch nach Zugehörigkeit befördern dies. Wir haben ein Problem – aber warum spricht niemand darüber?

Nicht nur die internalisierte Scham ist groß, sondern auch die Gefahr von weiterer Stigmatisierung. Hinzu kommt, dass Männer generell seltener psychiatrische, psychotherapeutische und ambulante ärztliche Leistungen in Anspruch  ehmen und zu mangelnder Selbstfürsorge neigen. Netzwerkstudien zeigen, dass sie zudem weniger Ansprechpartner*innen für Probleme haben als Frauen, die eher in größeren, diverseren sozialen Netzwerken leben. 

Psychische Erkrankungen werden häufig immer noch als Schwäche gewertet, weshalb gerade Männer noch oft versuchen seelische Probleme zu verstecken. So werden größtenteils auch nur die körperlichen Symptome wie eine Leberzirrhose oder Krebs behandelt, aber nicht das psychische Leiden. Klassische Rollenvorstellungen von Stärke, Dominanz, Gefühlsunterdrückung sowie Unachtsamkeit und Härte nicht nur gegenüber anderen, sondern auch sich selbst und seinem Körper gegenüber, können bei Männern zu einem hohen Leidensdruck sowie gesundheitlichen Problemen führen und begünstigen Suchterkrankungen. Hinzu kommt die höhere Risikobereitschaft bereits im Jugendalter und die höhere Gefahr, abhängig zu werden, je früher mit dem Trinken begonnen wird. Peer-Druck hinsichtlich des Substanzkonsums ist nicht nur bei heterosexuellen Jungs ein Problem. Jugendliche, die zusätzlich unter Unsicherheiten und ggf. Selbstwertproblemen aufgrund ihrer Sexualität leiden und keine Unterstützung für einen gesunden Umgang mit negativen Emotionen oder traumatischen Erfahrungen erhalten, sind besonders anfällig für den Versuch, Emotionen und Erlebnisse zu betäuben.

Ist doch ok, solange du funktionierst!

Doch Konformitätsdruck ist auch bei Erwachsenen ein Risikofaktor. Trinken gehört zur Normalität – insbesondere unter Männern – und wird meist nicht hinterfragt, solange wir gesellschaftlich und beruflich funktionieren. Alkohol ist als Droge gesellschaftlich akzeptiert und fest etabliert sowie immer und überall verfügbar. Es wird weitläufig zum Stressabbau genutzt, auch wenn es nur kurzfristig Entspannung und Ausgelassenheit verschafft und langfristig die negativen Folgen überwiegen. Obwohl Alkoholiker*innen nicht stereotypisiert werden können, da es sie in allen Gesellschaftsschichten und Berufsgruppen, vom Jugend- bis ins Rentenalter, gibt, verschleiern stereotype Bilder von (heterosexuellen) arbeits- oder obdachlosen Alkoholiker*innen eine Volkskrankheit.

Überdies wird medial das Bild einer bunten Regenbogenwelt geschaffen, in der es keine Diskriminierung oder Probleme mehr gibt. Politisch besteht wenig Interesse, sich weiteren LGBTI*-Themen zu widmen. Es fehlen deutsche Studien zu den spezifischen Problemlagen schwuler Männer und sexueller Minderheiten und vor allem fehlt es an innovativen, zielgruppenspezifischen und wirkungsträchtigen Präventions- und Behandlungskonzepten.

Gesellschaftlich betrachtet können wir alle unseren Teil dazu beitragen, dass LGBTI*-Personen hoffentlich weniger bis keine Diskriminierung und Stigmatisierung mehr erleben müssen und ein unterstützendes Umfeld erfahren, das sich nicht mehr negativ auf ihre Gesundheit auswirkt. Die Realität sollte für niemanden so schwer zu ertragen sein, dass ihn oder sie das Gefühl quält, aus ihr flüchten zu müssen. Dafür benötigt es eine stärkere Förderung von Unterstützungsangeboten und Sozialmaßnahmen sowie queer- und geschlechtersensible Angebote der Jugend-, Familien- und Suchthilfe.

Neue gesundheitsfördernde Methoden zur Stressreduktion sind für die breite Bevölkerung zugänglich zu machen, etwa über die Krankenkassen. Es ist wichtig, möglichst frühzeitig präventiv zu handeln, da die Vorbeugung von Suchterkrankungen in der Kindheit beginnt. Es wird vielfach diskutiert, ein Fach wie „Alltagskompetenzen“ in der Schule einzuführen. Dort könnten auch Methoden zur Entspannung und dem Umgang mit Gefühlen und Problemen gelehrt werden. Doch bereits der Sportunterricht könnte genutzt werden, um verschiedene Formen der Bewegung als konstruktives Mittel zum Stressabbau zu erlernen. Es bedarf einer motivierenden Alkohol- und Drogenprävention unter Partizipation von Schulsozialarbeiter*innen und Schüler*innen. Gesundheitskompetenzen gilt es, so früh wie möglich zu fördern. Auch die Stärkung von Selbstbewusstsein und Selbstwert macht Kinder resilienter. Es braucht vor allem mehr männliche Vorbilder im sozialen Umfeld und den Medien, die ein gesundes Trink- und Problemlöseverhalten vorleben, und von denen Jungen innere Stärke, Eigenverantwortung und Sozialkompetenzen übernehmen können.

Zudem müssen sich überholte Rollenbilder und Erwartungshaltungen an Männer ändern. Männer müssen keinen Alkohol trinken und nicht ihre körperlichen Grenzen austesten. Sie müssen Angst und Trauer nicht verleugnen und mit Alkohol oder Drogen unterdrücken. Vor allem sind sie alles andere als schwach, wenn sie sich ein Alkoholproblem eingestehen – denn sich Hilfe zu holen, zeugt von einem hohen Maß an Stärke, Verantwortung und Reflektiertheit. Männer dürfen darüber reden, was sie belastet. Sie dürfen sich von ihrer „weichen“ Seite zeigen, sich um sich und andere sorgen und müssen nicht buchstäblich alles runterschlucken …  Zudem dürfen sie homo-, bi- oder transsexuell sein, ohne dass man ihnen ihre Männlichkeit abspricht! 

Hinweis der Redaktion: Die im Text genannten Zahlen stammen aus verschiedenen Erhebungszeiträumen (u. a. 2015–2022). Aktuelle Daten der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) und des Epidemiologischen Suchtsurveys (ESA) zeigen weiterhin eine hohe Verbreitung riskanten Alkoholkonsums in Deutschland. Die grundsätzlichen Aussagen des Artikels bleiben davon unberührt.

Autorin Katharina M. Engel engagiert sich für Gesundheitsförderung, soziale Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Menschenrechte. Ihr Fokus liegt auf der Verbesserung der Gesundheit marginalisierter Gruppen durch einen integrativen Ansatz, der Forschung, systemisches Denken und partizipative Methoden verbindet.

Bildnachweis: @Ross Sneddon auf Unsplash

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