Queere Jugendarbeit: Warum eigene Räume wichtig bleiben
Die Bundesförderung des Jugendnetzwerks Lambda steht vor dem Ende. Wissenschaftler*innen warnen davor, queere Jugendarbeit – also spezialisierte Angebote für queere junge Menschen – für verzichtbar zu halten. Denn gesellschaftliche Sichtbarkeit bedeutet noch lange nicht, dass Jugendliche überall Unterstützung, Sicherheit und Gemeinschaft finden.
Queere Menschen sind heute sichtbarer als noch vor wenigen Jahrzehnten. Pride-Veranstaltungen gehören zum Stadtbild, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt findet sich in Serien, sozialen Medien und zunehmend auch in Schulen und Jugendverbänden. Man könnte daraus schließen: Eigene Strukturen für queere Jugendliche werden irgendwann überflüssig.
Genau vor diesem Schluss warnt nun eine Gruppe von Wissenschaftler*innen.
Anlass ist die Zukunft des Jugendnetzwerks Lambda e. V. Der bundesweit tätige Verband organisiert und unterstützt seit Jahrzehnten Angebote für lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, inter*, nicht-binäre und andere queere junge Menschen. Seine Arbeit wurde bislang im Rahmen des Kinder- und Jugendplans des Bundes gefördert. Diese Rahmenvereinbarung soll nach Angaben von Lambda und den Wissenschaftler*innen zum Ende des Jahres 2026 auslaufen.
In einer am 28. September veröffentlichten Stellungnahme mit dem Titel „Kündigen, was die Zukunft trägt?“ argumentieren Forschende verschiedener Hochschulen und Fachrichtungen, dass damit nicht einfach die Finanzierung eines einzelnen Verbandes zur Debatte steht. Es gehe um die grundsätzlichere Frage, welche Bedeutung selbstorganisierte Räume für queere Jugendliche haben.
Sichtbarer – aber nicht automatisch sicherer
Eine zentrale These der Stellungnahme lautet: Die stärkere gesellschaftliche Präsenz queerer Lebensweisen darf nicht mit dem Ende von Diskriminierung verwechselt werden.
Für Jugendliche kann das besonders relevant sein. Die Jahre, in denen die eigene sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität erstmals bewusst wird, fallen ohnehin in eine Lebensphase voller Veränderungen. Wer gleichzeitig erlebt, dass die eigene Identität in der Familie, Schule oder im Freundeskreis abgewertet oder nicht verstanden wird, steht vor zusätzlichen Belastungen.
Die von den Forschenden ausgewerteten Untersuchungen zeigen entsprechend, dass Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen unter queeren Jugendlichen weiterhin verbreitet sind. Besonders trans*, nicht-binäre und andere geschlechtlich diverse junge Menschen berichten häufig davon. Auch Schule ist keineswegs automatisch ein geschützter Raum.
Queere Jugendarbeit erfüllt deshalb eine Funktion, die über Freizeitgestaltung hinausgeht. Jugendliche treffen dort Menschen mit ähnlichen Erfahrungen, können Fragen stellen, ohne sich zunächst erklären zu müssen, und erleben ihre sexuelle oder geschlechtliche Identität einmal nicht als Besonderheit.
Ein Jugendzentrum kann nicht alles ersetzen
Gerade hier liegt der Konflikt um die Förderung. Wie die Forschenden unter Berufung auf eine Antwort des zuständigen Bundesministeriums berichten, wird die Entscheidung unter anderem damit begründet, dass geschlechtliche und sexuelle Vielfalt inzwischen breiter in der Jugendverbandsarbeit verankert sei.
Das klingt zunächst nach einem Erfolg. Und tatsächlich ist es ein Fortschritt, wenn queere Jugendliche nicht ausschließlich in spezialisierten Einrichtungen willkommen sind, sondern selbstverständlich an allgemeiner Jugendarbeit teilnehmen können.
Nach Ansicht der Verfasserinnen folgt daraus jedoch nicht, dass spezifisch queere Angebote überflüssig werden. Ein Jugendverband, der offen für LSBTIQ-Jugendliche ist, erfüllt nicht automatisch dieselbe Aufgabe wie ein Raum, der von queeren jungen Menschen selbst geprägt und mitgestaltet wird.
Der Unterschied mag von außen klein erscheinen, kann für Jugendliche aber entscheidend sein: Es ist etwas anderes, irgendwo ebenfalls willkommen zu sein, als einen Ort zu betreten, an dem die eigene Lebensrealität nicht erst zur Abweichung von einer angenommenen Norm wird.
Gemeinschaft kann eine gesundheitliche Ressource sein
Damit berührt die Diskussion auch die psychische Gesundheit. Queer zu sein ist selbstverständlich keine gesundheitliche Belastung an sich. Belastend können vielmehr Ablehnung, Mobbing, Diskriminierung oder die Angst davor sein.
Entsprechend wichtig können soziale Unterstützung und das Gefühl von Zugehörigkeit sein. Die wissenschaftliche Stellungnahme beschreibt queere Jugendangebote deshalb auch als Ressource für junge Menschen, die psychosozial belastet sind. Dabei geht es nicht darum, Jugendgruppen zu therapeutischen Einrichtungen zu erklären. Ihre Stärke liegt gerade darin, dass dort nicht Krankheit oder Hilfsbedürftigkeit im Mittelpunkt stehen müssen.
Man trifft andere Menschen. Man macht gemeinsam etwas. Man redet vielleicht über das Coming-out – oder eben über Musik, Schule, Dating und den ganzen anderen Kram, aus dem Jugend besteht.
Das kann banal wirken. Für jemanden, der andernorts ständig überlegen muss, ob ein falsches Wort Ablehnung auslöst, ist diese Banalität möglicherweise ausgesprochen wertvoll.
Selbstorganisation ist mehr als Beratung
Hinzu kommt ein Aspekt, der in der Debatte leicht verloren geht: Lambda versteht sich nicht lediglich als Anbieter von Beratungsleistungen, sondern als Jugendverband. Junge queere Menschen sollen Strukturen selbst gestalten, Interessen vertreten und Verantwortung übernehmen können.
Auch Lambda selbst beschreibt Selbstorganisation als Möglichkeit, Angebote nach den Bedürfnissen queerer Jugendlicher zu gestalten und Selbstvertrauen aufzubauen. Im Lobbyregister des Bundestags fordert der Verband deshalb ausdrücklich den Schutz und die Förderung solcher Strukturen – gerade auch außerhalb großer Städte.
Damit unterscheidet sich die Arbeit von einer Beratungsstelle, die Jugendliche aufsuchen, wenn bereits ein konkretes Problem besteht. Ein selbstorganisierter Jugendverband schafft zunächst einmal Gemeinschaft.
Und vielleicht liegt genau darin der entscheidende Punkt der aktuellen Auseinandersetzung.
Fortschritt macht Schutzräume nicht automatisch überflüssig
Dass sexuelle und geschlechtliche Vielfalt heute in vielen Jugendverbänden stärker berücksichtigt wird als früher, ist kein Argument gegen diesen gesellschaftlichen Fortschritt. Im Gegenteil: Queere Jugendliche sollten selbstverständlich überall teilnehmen können, ohne ihre Identität verstecken zu müssen.
Die Frage ist nur, ob daraus folgt, dass eigene Strukturen nicht mehr gebraucht werden.
Die Wissenschaftler*innen hinter der Stellungnahme beantworten diese Frage eindeutig anders als die Entscheidung zur Beendigung der bisherigen Förderung. Für sie ergänzen sich allgemeine und spezialisierte Jugendarbeit, anstatt einander zu ersetzen.
Wie es mit dem Jugendnetzwerk Lambda nach dem Ende der bisherigen Rahmenvereinbarung weitergeht, ist damit mehr als eine Finanzierungsfrage. Die Debatte berührt eine alte Frage queerer Emanzipation, die trotz aller gesellschaftlichen Veränderungen erstaunlich aktuell geblieben ist:
Wann ist ein eigener Raum nicht mehr notwendig – und wer darf eigentlich entscheiden, dass dieser Zeitpunkt erreicht ist?
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