Pregabalin: Warum ein Angstmedikament zur Partydroge wird

Menschen auf einer Tanzfläche in einem Club

Ein verschreibungspflichtiges Medikament taucht zunehmend im Freizeitkonsum auf. Besonders riskant wird Pregabalin zusammen mit Alkohol oder anderen dämpfenden Substanzen.

Pregabalin ist keine neue Droge. Das Medikament ist seit mehr als 20 Jahren zugelassen und wird unter anderem bei neuropathischen Schmerzen, Epilepsie und generalisierten Angststörungen eingesetzt. Trotzdem sorgt der Wirkstoff derzeit für Aufmerksamkeit: In Berlin berichten Suchthilfe und Giftnotruf von einem deutlich zunehmenden Konsum unter Jugendlichen. 

Beim Giftnotruf der Charité haben sich die gemeldeten Fälle nach Pregabalin-Konsum bei Jugendlichen zwischen 2022 und 2025 vervierfacht. Fachleute aus der Berliner Suchthilfe beobachten zugleich, dass das Medikament häufiger im Party- und Freizeitkontext auftaucht und dabei oft zusammen mit Alkohol oder anderen Substanzen konsumiert wird. 

Was ist Pregabalin eigentlich?

Pregabalin gehört zur Gruppe der Gabapentinoide. Es beeinflusst die Signalübertragung im zentralen Nervensystem und wird in Deutschland vor allem zur Behandlung neuropathischer Schmerzen eingesetzt. Zusätzlich ist es für bestimmte Formen der Epilepsie und für generalisierte Angststörungen zugelassen. 

Die Verordnungszahlen sind über die Jahre stark gestiegen. Nach Angaben des aktuellen DHS Jahrbuch Sucht 2026wurden 2005 rund 13 Millionen definierte Tagesdosen verordnet, 2023 waren es bereits 151 Millionen. Fast 90 Prozent der Verordnungen entfallen dabei auf neuropathische Schmerzen. 

Warum wird Pregabalin als Droge konsumiert?

Neben seiner medizinischen Wirkung kann Pregabalin beruhigend und angstlösend wirken. Bei missbräuchlichem Konsum können auch Euphorie, Enthemmung und ein als angenehm empfundener sedierender Effekt auftreten.

Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft weist darauf hin, dass Pregabalin vergleichsweise schnell aufgenommen wird und gerade bei höheren Dosierungen ein euphorisierender Effekt auftreten kann. Diese Eigenschaften können erklären, warum das Medikament außerhalb seiner medizinischen Anwendung konsumiert wird. 

Dass ein Medikament verschreibungspflichtig ist, bedeutet dabei nicht automatisch, dass es weniger riskant ist als klassische Partydrogen.

Besonders gefährlich: Pregabalin und Alkohol

Ein zentrales Problem ist der Mischkonsum. Pregabalin wirkt dämpfend auf das zentrale Nervensystem. Wird es zusammen mit Alkohol, Opioiden, Benzodiazepinen oder anderen sedierenden Substanzen konsumiert, können sich diese Wirkungen verstärken.

Mögliche Folgen reichen von starker Benommenheit und Koordinationsproblemen bis hin zu Bewusstseinsstörungen und Atemdepression. Besonders Kombinationen mit Opioiden oder anderen zentral dämpfenden Medikamenten können lebensgefährlich werden. 

Bei den vom Berliner Giftnotruf registrierten Fällen hatten viele Betroffene neben Pregabalin weitere Substanzen konsumiert. Gerade für unerfahrene Konsumierende ist schwer vorhersehbar, wie stark sich einzelne Wirkungen gegenseitig verstärken. 

Kann Pregabalin abhängig machen?

Ja. Das Abhängigkeitspotenzial von Pregabalin gilt inzwischen als gesichert. Das bedeutet allerdings nicht, dass Menschen, die das Medikament ärztlich verordnet und bestimmungsgemäß einnehmen, zwangsläufig eine Suchterkrankung entwickeln.

Ein erhöhtes Risiko besteht insbesondere bei sehr hohen Dosierungen und bei Menschen mit bereits bestehenden Substanzproblemen. Die Arzneimittelkommission weist zugleich darauf hin, dass eine körperliche Abhängigkeit auch bei therapeutischen Dosierungen auftreten kann. 

Bei regelmäßigem Konsum kann sich zudem eine Toleranz entwickeln: Für denselben Effekt werden immer höhere Mengen benötigt. Wird Pregabalin nach längerer Einnahme plötzlich abgesetzt, können unter anderem Angst, Unruhe, Schlafstörungen, Schwitzen und weitere Entzugssymptome auftreten. Deshalb sollte eine medizinische Behandlung nicht eigenmächtig beendet, sondern gegebenenfalls ärztlich begleitet ausgeschlichen werden. 

Woran erkennt man problematischen Konsum?

Nicht jeder einmalige Konsum bedeutet automatisch eine Abhängigkeit. Warnzeichen können jedoch sein, dass Pregabalin häufiger oder in höheren Mengen eingenommen wird als ursprünglich vorgesehen, dass die gewünschte Wirkung nur noch mit steigender Dosis erreicht wird oder dass sich der Alltag zunehmend um Beschaffung und Konsum dreht.

Auch Unruhe, Schlafprobleme oder Angst beim Auslassen der Einnahme können Hinweise auf eine körperliche Abhängigkeit sein. Wer Pregabalin regelmäßig einnimmt und Schwierigkeiten hat, die Menge zu reduzieren, sollte sich ärztliche oder suchtmedizinische Unterstützung holen. Nach längerer Einnahme sollte das Medikament nicht abrupt abgesetzt werden.

Was tun im Notfall?

Starke Benommenheit, Bewusstlosigkeit, Krampfanfälle oder auffällige Atemprobleme sind Warnzeichen für einen medizinischen Notfall – insbesondere nach Mischkonsum mit Alkohol, Opioiden oder Beruhigungsmitteln.

Betroffene sollten nicht allein gelassen werden. Bei Bewusstlosigkeit oder Atemproblemen gilt: sofort den Notruf 112 verständigen und möglichst angeben, welche Substanzen eingenommen wurden. Einer bewusstlosen Person sollte nichts zu trinken gegeben werden.

Keine neue Droge, aber ein veränderter Konsum

Pregabalin wird bereits seit Jahren missbräuchlich konsumiert. Dass der Wirkstoff jetzt wieder stärker in den Fokus gerät, liegt deshalb nicht an einer völlig neuen Substanz, sondern an veränderten Konsummustern.

Gerade die Berliner Zahlen zeigen, dass sich Medikamentenmissbrauch zunehmend auch bei jüngeren Menschen bemerkbar macht. Gleichzeitig lässt sich aus den bislang verfügbaren Daten nicht ableiten, wie verbreitet Pregabalin im gesamten Nachtleben tatsächlich ist.

Von einer neuen dominierenden Partydroge zu sprechen, wäre deshalb übertrieben. Die Entwicklung ist dennoch relevant: Sie zeigt, dass auch ein etabliertes Arzneimittel zum Gesundheitsrisiko werden kann, wenn es außerhalb seiner medizinischen Anwendung und insbesondere im Mischkonsum eingesetzt wird.

Weiterführende Informationen:

  • Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft: Gabapentin und Pregabalin: Missbrauch und Abhängigkeit– ausführliche medizinische Einordnung zu Abhängigkeit, Toleranz, Entzug und Mischkonsum. AkdÄ: Gabapentin und Pregabalin
  • Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen: DHS Jahrbuch Sucht 2026 – aktuelle deutsche Daten zu Pregabalin-Verordnungen und Medikamentenabhängigkeit. DHS Jahrbuch Sucht 2026
  • rbb24: Immer mehr Jugendliche melden sich nach Pregabalin-Konsum beim Giftnotruf – zum aktuellen Berliner Trend und den Zahlen des Giftnotrufs. rbb24 zum Pregabalin-Konsum in Berlin

Bildnachweis: @Dominik Mecko auf Unsplash

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