„Das ist halt das Alter“ – Was medizinische Floskeln mit uns machen

Gesicht eines Mannes mit sichtbaren Falten als Symbol für Alter und medizinische Floskeln

Medizinische Floskeln begegnen uns oft ganz beiläufig. Es gibt solche Sätze, die ein Mensch ab einem gewissen Alter bei ärztlichen Besuchen mit steigender Wahrscheinlichkeit zu hören bekommt. Meist sind sie nicht böse gemeint, manchmal sollen sie sogar beruhigen. Und trotzdem können sie erstaunlich lange im Kopf bleiben.

Dazu eine kleine persönliche Anekdote: Anfang dieses Jahres, in dem ich im Dezember meinen 40. Geburtstag feiern „darf“, besprach ich mit meinem Hausarzt meine Blutwerte, die ich jährlich kontrollieren lasse. Mein LDL-Cholesterin, gerne als das „böse Cholesterin“ bezeichnet, war etwas erhöht und entsprechend fett markiert. Als ich meine Werte ansprach, bekam ich Entwarnung hinsichtlich meines kardiovaskulären Risikos und zusätzlich den wohl auflockernd gemeinten Beisatz: „Da sehen Sie mal, dass der Fettstoffwechsel mit steigendem Alter immer langsamer wird.“

Ich wehrte mich innerlich gegen diese Behauptung, aber der Satz ließ mich nicht mehr los. Beim nächsten Blick in den Spiegel fühlte ich mich ertappt: beim Steigen meines Alters und beim Sinken meiner Attraktivität. In den folgenden Monaten habe ich einige Kilogramm Fettmasse reduziert und gezielt Muskulatur aufgebaut, und ich finde, dass mir das ausgesprochen gutgetan hat. Rückblickend ist allerdings weniger interessant, was ich anschließend verändert habe, als die Frage, warum eine beiläufige Bemerkung meines Arztes überhaupt so stark an meinem Selbstbild rütteln konnte.

Denn medizinische Floskeln und beiläufige Bemerkungen bleiben nicht immer in der Arztpraxis. Sie kann beeinflussen, wie wir unseren Körper wahrnehmen, was wir ihm zutrauen und welche Grenzen wir ihm setzen. Genau deshalb lohnt es sich, einige jener Sätze genauer anzusehen, die so harmlos klingen und doch ziemlich viel bewirken können.

„Das ist nun mal so im Alter. Das ist Verschleiß.“

Ein absoluter Klassiker, auf den man fast mit einer ebenso klassischen Floskel antworten möchte: Du bist kein Auto, du rostest nicht. Unser Körper ist kein passives Bauteil, das mit jedem Lebensjahr einfach ein bisschen mehr kaputtgeht. Gewebe kann sich an Belastungen anpassen, Muskeln können stärker werden, und auch Beweglichkeit sowie körperliche Leistungsfähigkeit lassen sich oft bis ins höhere Alter verbessern.

Natürlich gibt es strukturelle Veränderungen. Ein deutlich geschädigter Gelenkknorpel im Knie wächst nicht einfach vollständig nach. Ein auffälliger Befund im Röntgen oder MRT bedeutet jedoch ebenso wenig automatisch, dass ein Mensch keinen Sport mehr treiben darf oder dauerhaft weniger belastbar sein muss. Entscheidend ist deshalb nicht nur, wie ein Gelenk auf einem Bild aussieht, sondern auch, was der Mensch damit tatsächlich tun kann.

Gezieltes Krafttraining und sinnvoll dosierte Bewegung können helfen, Muskulatur aufzubauen, die körperliche Funktion zu verbessern und Gelenke im Alltag besser zu unterstützen. Statt sich mit dem Begriff „Verschleiß“ abzufinden, lohnt deshalb die konkrete Frage, was trotz eines vorhandenen Befundes möglich ist und wie sich Belastbarkeit erhalten oder sogar verbessern lässt.

Noch mehr von Marie Krauß:
Auf dem YouTube-Kanal von Healphy räumt Marie regelmäßig mit Mythen rund um Schmerzen und Bewegung auf und zeigt praktische Übungen für den Alltag – von Rücken und Nacken bis zur Frage, wie viel Belastung eigentlich sinnvoll ist.

„Sie sollten sich lieber schonen.“

Bei Schmerzen und Bewegungseinschränkungen erscheint Schonung zunächst als naheliegende Empfehlung. Das kann sinnvoll sein, beispielsweise bei akuten Infekten, nach Operationen oder bei bestimmten Verletzungen. Problematisch wird der Rat dann, wenn aus einer vorübergehenden Maßnahme eine dauerhafte Gebrauchsanweisung wird.

Denn zwischen völliger Ruhe und maximaler Belastung liegt ein großer Bereich, und gerade dort findet häufig die eigentliche Rehabilitation statt. Auch nach Verletzungen oder Operationen braucht es deshalb möglichst konkrete Hinweise darauf, welche Bewegungen erlaubt sind, welche Belastungen vorübergehend reduziert werden sollten, wann eine Steigerung sinnvoll ist und woran sich erkennen lässt, dass der Körper damit zurechtkommt.

Wer mit der Empfehlung „Schonen Sie sich“ aus einer Praxis geht, darf deshalb durchaus nachfragen, wie lange diese Schonung gelten soll, was weiterhin erlaubt ist und wie der Weg zurück in normale Belastung aussehen kann. Denn längerfristige körperliche Passivität kann selbst zum Problem werden: Kraft und Kondition nehmen ab, und nicht selten schwindet zugleich das Vertrauen in den eigenen Körper.

„Das ist nur die Psyche.“

Vielleicht ist das einer der problematischsten Sätze überhaupt, denn das kleine Wort „nur“ macht aus einer komplexen Erklärung schnell eine Abwertung. Wenn für Beschwerden keine eindeutige körperliche Ursache gefunden wird, heißt das keineswegs, dass sie weniger real sind. Schmerzen und andere körperliche Symptome werden nicht ausschließlich durch beschädigtes Gewebe bestimmt. Auch Stress, Angst, Schlafmangel, frühere Erfahrungen und die aktuelle Lebenssituation können beeinflussen, wie stark Beschwerden wahrgenommen werden.

Körper und Psyche lassen sich ohnehin nicht sauber voneinander trennen. Deshalb ist die sinnvollere Frage nicht, ob etwas körperlich oder psychisch ist, sondern welche Faktoren zu den Beschwerden beitragen und welche davon sich beeinflussen lassen. Wenn eine psychische oder psychosoziale Komponente vermutet wird, sollte das nicht das Ende der Erklärung sein, sondern der Beginn einer genaueren Einordnung.

Hilfreich sind dann konkrete Fragen: Welche körperlichen Ursachen wurden bereits ausgeschlossen? Welche Rolle könnten Stress oder Schlaf spielen? Welche nächsten Schritte sind sinnvoll? Je nach Beschwerdebild können dabei Physiotherapie, Psychotherapie oder ein angepasstes Trainingsprogramm eine Rolle spielen, idealerweise abgestimmt auf die medizinische Behandlung.

Gute Medizin erklärt, statt nur einzuordnen

Ärztinnen und Ärzte können in einem kurzen Termin nicht jeden Zusammenhang ausführlich erklären, und nicht jede ungeschickte Formulierung ist ein Zeichen schlechter Medizin. Trotzdem dürfen Patientinnen und Patienten erwarten, dass eine Diagnose nicht nur einen Befund benennt, sondern auch erklärt, was dieser im Alltag bedeutet.

Gerade bei Schmerzen, Gelenkproblemen oder länger bestehenden Beschwerden lohnt es sich deshalb, nach dem eigenen Handlungsspielraum zu fragen: Was kann ich weiterhin tun? Was sollte ich vorübergehend vermeiden? Was lässt sich verbessern, und woran erkenne ich Fortschritte? Eine gute medizinische Erklärung macht den Körper nicht kleiner, sondern hilft dabei, seine Möglichkeiten realistischer einzuschätzen.

Bildnachweis: @Sebastian Schuster auf Unsplash

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