CPPS bei Männern: Wie chronische Anspannung im Becken Schmerzen erzeugt
CPPS – das chronische Beckenschmerzsyndrom – ist ein wenig bekanntes Syndrom, das durch Schmerzen und Missempfindungen im Genital- und Rektalbereich sowie weiteren Stellen im Becken gekennzeichnet ist. Besonders Männer zwischen 20 und 50 Jahren sind davon betroffen.
Da die Symptome von CPPS dem sogenannten Prostatitis-Syndrom ähneln, wird das chronische Beckenschmerzsyndrom oft unterdiagnostiziert, weshalb Betroffene oft jahrelang leiden, bevor sie eine klare Diagnose erhalten. In diesem Interview erzählt Erich, Physiotherapeut und CPPS-Betroffener, wie er einen Weg aus dem Schmerz gefunden hat. Gemeinsam mit mir, Marie, ebenfalls Physiotherapeutin, setzt er sich dafür ein, CPPS bekannter zu machen und Patient*innen neue Behandlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.
Marie: Erich, wie würdest du CPPS beschreiben?
Erich: Bei mir waren es Schmerzen und Missempfindungen in Penis, Hoden, Damm und Rektum, dazu dieser ständige Pinkelreiz und das Gefühl, als ob mir ein Golfball im Hintern stecken würde – ohne die Chance, ihn herauspressen zu können.
Marie: Wann wurde es für dich unerträglich?
Erich: Da war ich Anfang 40 bei einem Wanderurlaub auf Madeira. Ich wollte abschalten, aber stattdessen hatte ich 27-mal am Tag diesen Drang, aufs Klo zu müssen. Nachts lag ich zusammengekrümmt im Bett vor Schmerz und Druck. CPPS kam jedoch nicht plötzlich, es hatte sich über Jahre aufgebaut, nur konnte ich es nie einordnen.
Marie: Was weißt du über die Ursachen?
Erich: Mein Beckenboden war total überfordert, ich habe ihn immer mehr angespannt, aber nicht bewusst, denn ich dachte, das gehöre dazu. Schon als Kind habe ich oft den Beckenboden angespannt, um „durchzuhalten“, wenn das Klo besetzt war oder ich nicht neben anderen pinkeln wollte. Später habe ich Kegelübungen, Pilates, Yoga, Klimmzüge und Akrobatik gemacht – was man halt macht, um stärker zu werden. Zuletzt war ich so verspannt, dass ich mit meinem Anus Nüsse hätte knacken können. Diese Anspannung war allerdings nicht nur in meinem Beckenboden: ich hatte mir so viele Aktivitäten und Aufgaben aufgelastet, dass ich nur unterwegs war und ständig unter Strom stand.
„Das Wichtigste ist loszulassen – sowohl körperlich als auch mental.“
Marie: Wie begann dein Weg zu Besserung?
Erich: Auf Madeira gab es dann diesen einen Moment. Ich machte eine Yogaübung – den aufschauenden Hund – und sah dabei die Sonne, die über den Bergen aufging. Ich atmete tief in meinen Bauch und plötzlich war der Schmerz einfach weg. Diese Erleichterung hielt nur zehn Minuten, aber sie zeigte mir, dass ich nicht völlig hilflos bin.
Marie: Wie ging es dann für dich weiter?
Erich: Als ich wieder in Deutschland war, habe ich nach Hilfe gesucht – zunächst erfolglos. Urologen zuckten mit den Schultern und sagten mir, es sei psychosomatisch. Ich gab aber nicht auf und fand schließlich zwei Bücher, die mir die Richtung gewiesen haben: Teach Us How to Sit Still (Tim Parks) und A Headache in the Pelvis (Wise und Anderson), besonders das letztere war ein Augenöffner: Es erklärt systematisch, wie Beckenbodenspannung chronische Schmerzen verursacht und wie man sie lösen kann.
Marie: Du warst daraufhin in den USA bei Dr. Wise und hast sein Programm mitgemacht, wie war diese Erfahrung für dich?
Erich: Der Kurs war mit 7.000 Dollar inklusive Flügen und Unterkunft recht teuer, aber ich wollte alles über CPPS wissen. Techniken wie Achtsamkeitsübungen und Entspannungsmethoden kannte ich größtenteils, aber die intrarektale Triggerpunktbehandlung war neu und so faszinierend, dass ich lernen wollte, wie ich das selbst machen kann. Ein weiterer großer Aha-Moment dabei war der gebogene Triggerstab mit abgerundeter Spitze, um die Triggerpunkte rektal zu erreichen – den gab’s zum Kurs dazu.
Marie: Ist die rektale Behandlung das A und O bei der Behandlung?
Erich: Nein, sie kann jedoch kurzfristig erleichtern, aber das Wichtigste ist loszulassen – sowohl körperlich als auch mental. CPPS ist wie ein Hund an der Leine: Wenn du ziehst, zieht er stärker. Aber wenn du lockerlässt, entspannt er sich. Das gilt für den Körper oftmals genauso und ich versuche meinen Patienten dieses Prinzip zu vermitteln.
Marie: Was möchtest du Betroffenen zum Abschluss noch mit auf den Weg geben?
Erich: Drei Grundsätze: Erstens, akzeptieren, dass Kämpfen nichts bringt. Zweitens, Geduld haben und den Körper verstehen. Drittens, Verantwortung für die Genesung übernehmen. Niemand kann CPPS für dich „wegmachen“. Und: Du bist nicht allein.
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