Ist Nacktsein gesund?

Nackter Mann in der Natur – ist Nacktsein gesund?

Die ernüchternde Antwort: Nacktsein ist kein Gesundheits-Hack. Niemand wird fitter, schlanker oder immunologisch überlegen, weil die Unterhose im Schrank bleibt. An einigen Stellen spricht allerdings tatsächlich etwas für weniger Stoff.

Nackt schlafen: Kühler ist nicht automatisch besser

Der vielleicht bekannteste Gesundheitstipp lautet: Schlaf nackt, dann schläfst du besser. Ganz so einfach ist es nicht.

Unsere Körpertemperatur und unser Schlaf hängen tatsächlich eng zusammen. Beim Übergang in den Schlaf verändert der Körper seine Temperaturregulation, und ein unangenehm warmes Schlafumfeld kann Schlafqualität und Schlafphasen beeinträchtigen. Kleidung und Bettzeug beeinflussen wiederum das Mikroklima direkt auf der Haut. 

Daraus folgt aber nicht, dass Nacktschläfer grundsätzlich besser schlafen. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit zeigt vielmehr, dass auch das Material von Schlafkleidung und Bettwäsche Einfluss auf den thermischen Komfort und möglicherweise die Schlafqualität haben kann. 

Wer nachts regelmäßig schwitzt, kann ausprobieren, ob weniger Kleidung angenehmer ist. Wer ohne Schlafanzug friert, darf ihn dagegen beruhigt wieder anziehen. Entscheidend ist nicht nackt oder angezogen, sondern angenehm temperiert.

Nein, deine Haut muss nicht „atmen“

„Lass mal Luft dran“ gehört zu den großen Klassikern der Körperpflege. Dabei bekommt unsere Haut ihren lebensnotwendigen Sauerstoff überwiegend über die Blutversorgung und nicht dadurch, dass wir sie aus dem Pullover befreien.

Trotzdem kann weniger Kleidung angenehm sein. Enge oder scheuernde Stoffe erzeugen Reibung, und Wärme und Feuchtigkeit können sich unter Kleidung stauen. Wer nach einem langen Tag die Hose auszieht und denkt: Oh Gott, ist das schön, bildet sich dieses Gefühl also nicht ein.

Nur ist dafür kein mysteriöser Haut-Atemmechanismus verantwortlich.

Und untenrum?

Hier wird es interessanter. Denn „der Intimbereich muss atmen“ ist zwar ebenfalls eine ziemlich grobe Vereinfachung, ein trockenes, wenig gereiztes Milieu kann aber durchaus sinnvoll sein.

Der Berufsverband ACOG empfiehlt beispielsweise bei der Vulvapflege lockere Kleidung und Unterwäsche mit Baumwollanteil und rät von eng sitzenden Hosen und Unterwäsche ab. Das Ziel ist unter anderem eine bessere Luftzirkulation und weniger Irritation – nicht irgendeine Sauerstoffkur für die Vagina. 

Das heißt trotzdem nicht: Ab heute müssen alle unten ohne schlafen. Wer sich mit Unterwäsche wohlfühlt und keine Beschwerden hat, hat keinen medizinischen Grund, sie nachts feierlich abzulegen.

Vielleicht ist das überhaupt eine der angenehmeren Erkenntnisse dieses Artikels: Man darf auch einfach deshalb nackt sein, weil es sich gut anfühlt.

Nackt vor dem Spiegel

Und damit kommen wir zum überraschendsten Teil.

Wir sehen ständig Körper. Allerdings meistens ziemlich spezielle: trainierte Körper, bearbeitete Körper, junge Körper, sexualisierte Körper, Körper im besten Licht und aus dem günstigsten Winkel.

Naturismus bietet theoretisch das Gegenteil. Plötzlich sind Körper einfach Körper. Mit Bäuchen, Narben, Falten, Haaren, unterschiedlichen Genitalien und allem, was Photoshop sonst gern verschwinden lässt.

Eine Studie mit mehr als 6.600 deutschen Erwachsenen fand tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Erfahrungen mit gemeinschaftlicher Nacktheit und einer höheren Wertschätzung des eigenen Körpers. Eine weitere Untersuchung deutet darauf hin, dass Naturismus mit weniger sozialer Angst vor der Bewertung des eigenen Körpers zusammenhängen könnte. 

Frühere Studien fanden zudem nach naturistischen Aktivitäten Verbesserungen bei Körperbild, Selbstwert und Lebenszufriedenheit. Allerdings ist die Forschung auf diesem Gebiet noch relativ klein. Aus den Ergebnissen sollte deshalb kein Rezept à la „dreimal FKK pro Woche gegen Selbstzweifel“ werden. 

Der Gedanke dahinter ist trotzdem spannend: Vielleicht hilft es unserem Körperbild, gelegentlich echte Körper zu sehen.

Muss Nacktheit eigentlich immer Sex bedeuten?

Vielleicht liegt darin auch der interessanteste Unterschied zwischen Pornografie und Sauna, Dating-App und FKK-Strand: Ein nackter Körper kann sexuell sein. Er muss es aber nicht.

Nicht-sexuelle Nacktheit nimmt dem Körper ein wenig von seiner permanenten Funktion als Ausstellungsstück. Da ist plötzlich nicht mehr nur die Frage: Bin ich attraktiv? Sondern vielleicht auch: Fühle ich mich wohl? Ist mir warm? Kann ich mich bewegen? Ist das eigentlich mein Körper – und nicht das Projekt, das ich aus ihm machen soll?

Das ist gesundheitlich schwer in Blutwerten zu messen. Psychologisch ist es aber durchaus interessant.

Also: Alles aus?

Wer jetzt auf einen medizinischen Freifahrtschein für das nackte Wochenende gehofft hat, muss enttäuscht werden. Es gibt bislang keinen überzeugenden Beleg dafür, dass Nacktsein an sich besonders gesund macht.

Aber es spricht auch wenig dagegen, Kleidung häufiger einmal Kleidung sein zu lassen. Nackt schlafen kann angenehm sein, wenn einem dadurch nicht kalt wird. Weniger enge Kleidung kann Reibung und Feuchtigkeit reduzieren. Und gemeinschaftliche, nicht-sexuelle Nacktheit könnte sogar dabei helfen, unseren ziemlich verzerrten Blick auf menschliche Körper etwas zurechtzurücken.

Vielleicht ist das Gesündeste am Nacktsein deshalb gar nicht die fehlende Unterhose.

Sondern die gelegentliche Erkenntnis, dass ein Körper nicht ständig optimiert, bewertet oder präsentiert werden muss. Manchmal darf er einfach nur Körper sein.

Weiterführende Quellen

Bildnachweis: @Günter Valda auf Unsplash

Ähnliche Beiträge