Guten Abend, gute Nacht … Schlafmittel in ärztlicher Therapie und Selbstmedikation
Schlafmittel sind für viele Menschen die naheliegende Antwort, wenn die Nacht zum Problem wird. Doch wie versöhnt man sich mit dem kleinen Bruder des Todes? Viele Menschen kennen Phasen, in denen sie schlecht einschlafen, nachts immer wieder wach werden oder morgens das Gefühl haben, überhaupt nicht erholt zu sein. Halten solche Beschwerden über längere Zeit an, treten sie mehrfach pro Woche auf und beeinträchtigen sie auch den Alltag, kann eine chronische Schlafstörung – eine Insomnie – dahinterstecken.
Schlafen gehört zu unseren Grundbedürfnissen und ist unverzichtbarer Teil unseres Biorhythmus. Eine ausgeglichene Balance zwischen Wach- und Schlafphasen ist essenziell für die körperliche und seelische Gesundheit. Aber richtig schlafen ist gar nicht so leicht, denn auch unsere Nächte leiden unter einer stressigen, licht- und lärmverschmutzten 24/7-Umwelt. Bringt der Schlaf auf Dauer nicht die nötige mentale Erholung und gibt er dem Körper nicht ausreichend Gelegenheit zur Regeneration, kann das unsere Gesundheit erheblich belasten.
Pille rein, schlafen, fertig?
Um unsere Schlafprobleme hat sich längst eine ganze Industrie entwickelt: Präparate mit pflanzlichen Wirkstoffen in Drogerien und Apotheken, verschreibungspflichtige Medikamente, Melatoninprodukte, Meditationskurse, Schlaf-Apps, Spezialkissen und Matratzen, Klang- und Duftspender – der nicht schlafende Konsument hat die Qual der Wahl.
Alles Geldmacherei? Sollte man gleich zum chemischen Hammer greifen? Und wann wird aus einer schlechten Nacht eigentlich ein medizinisches Problem? Wer wäre für diese Fragen ein besserer Ratgeber als ein selbstständiger Unternehmer, dessen Tag grundsätzlich zu wenig Stunden hat und für den „Ausschlafen“ ein Fremdwort ist – mein Chef Nico.
Alex: Die Wissenschaft weiß inzwischen ziemlich viel über Schlafphasen, unseren Tag-Nacht-Rhythmus und darüber, was während des Schlafens in Körper und Gehirn passiert. Trotzdem können viele Menschen die Frage „Na, gut geschlafen?“ regelmäßig nur mit Augenringen und Gähnen beantworten. Wieso?
Nico: Gründe für Schlafprobleme sind vielfältig. Reizüberflutung durch moderne Medien, Stress und Leistungsdruck in Beruf oder Familie, ungewöhnliche Arbeitszeiten, psychische Belastungen und körperliche Erkrankungen können eine Rolle spielen. Deshalb sollte man zuerst versuchen herauszufinden, welche Art von Schlafproblem vorliegt und was dahinterstecken könnte.
Wo früher ein Glas Mariacron half, leiht man sich heutzutage lieber ein paar Tabletten von Tante Hilde, weil die ihr ja so gut helfen. Die Reflexion über Alkohol als falschen Problemlöser klappt inzwischen ganz gut, aber das Gefühl für Medikamentenmissbrauch fehlt noch vielerorts. Bei Schlaf- und Beruhigungsmitteln ist das aus zwei Gründen gefährlich: Einerseits werden Probleme aufgeschoben und die Ursachen nicht beseitigt. Andererseits werden Themen wie Abhängigkeit, Gewöhnung, Wechselwirkungen und Nebenwirkungen leicht verharmlost.
Schlafmittel können in bestimmten Situationen gute Dienste leisten. Sie ersetzen aber keine Ursachenforschung. Bei länger anhaltenden Schlafproblemen sollte deshalb ärztlich abgeklärt werden, was dahintersteckt. Auch die Beratung in der Apotheke kann bei der Auswahl und sicheren Anwendung von frei verkäuflichen Präparaten helfen.
„Einerseits werden Probleme aufgeschoben und die Ursachen nicht beseitigt. Andererseits werden Themen wie Abhängigkeit, Gewöhnung, Wechselwirkungen und Nebenwirkungen leicht verharmlost.“
Schlafmittel: wirksam, aber nicht harmlos
Alex: Bei chemisch-synthetischen Substanzen sind viele Präparate verschreibungspflichtig. Wann kommen sie zum Einsatz?
Nico: Bei klassischen verschreibungspflichtigen Schlafmitteln wie Benzodiazepinen und den sogenannten Z-Substanzen ist Vorsicht angesagt. Sie können kurzfristig wirksam sein, bergen aber unter anderem Risiken für Gewöhnung und Abhängigkeit und sollten deshalb nicht einfach dauerhaft eingenommen werden.
Außerdem können Schlafmittel noch am nächsten Tag Müdigkeit, Konzentrationsprobleme oder eine verlangsamte Reaktionsfähigkeit verursachen. Das ist besonders wichtig, wenn man Auto fahren oder Maschinen bedienen muss. Bei älteren Menschen können Benommenheit und Gleichgewichtsstörungen zusätzlich das Sturzrisiko erhöhen.
Und natürlich gilt: Schlaf- und Beruhigungsmittel nicht eigenmächtig mit Alkohol oder anderen psychoaktiven Substanzen kombinieren. Auch Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten müssen berücksichtigt werden.
Welche medikamentöse Therapie sinnvoll ist, hängt von der Art und Ursache der Schlafstörung, dem Alter, Begleiterkrankungen und anderen eingenommenen Medikamenten ab. Das gehört deshalb in fachkundige Hände.
Frei verkäuflich heißt nicht risikofrei
Alex: Es gibt aber auch Schlafmittel, die man ohne Rezept in der Apotheke bekommt.
Nico: Richtig. Dazu gehören beispielsweise bestimmte sedierende Antihistaminika wie Diphenhydramin oder Doxylamin. Diese Wirkstoffe wurden ursprünglich in einem anderen Zusammenhang eingesetzt, machen aber stark müde und werden deshalb auch als Schlafmittel verwendet.
Auch hier gilt jedoch: rezeptfrei bedeutet nicht automatisch harmlos. Müdigkeit und eingeschränkte Reaktionsfähigkeit können bis in den nächsten Tag hineinreichen. Gerade bei älteren Menschen können Benommenheit, Verwirrtheit und ein erhöhtes Sturzrisiko problematisch werden. Bei wiederholter Einnahme kann die Wirkung außerdem nachlassen.
Wer regelmäßig andere Medikamente einnimmt oder unter Vorerkrankungen leidet, sollte deshalb vor der Einnahme nach möglichen Wechselwirkungen und Gegenanzeigen fragen.
Pflanzlich schlafen?
Pflanzliche Präparate gehören zu den Klassikern der Selbstmedikation. Angeboten werden beispielsweise Mittel mit Baldrian, Lavendel oder Melisse. Viele Menschen empfinden solche Präparate oder die damit verbundenen Abendrituale als angenehm und entspannend.
Die wissenschaftliche Evidenz für eine ausgeprägte Wirkung bei einer chronischen Insomnie ist allerdings begrenzt. „Pflanzlich“ bedeutet außerdem nicht automatisch, dass ein Präparat für jeden Menschen geeignet oder völlig frei von Neben- und Wechselwirkungen ist.
Bei vorübergehenden Schlafproblemen – etwa in stressigen Lebensphasen – können Entspannung, feste Abendrituale oder pflanzliche Präparate einen Versuch wert sein. Halten die Beschwerden jedoch an oder beeinträchtigen sie den Alltag deutlich, sollte man nicht monatelang auf eigene Faust weiterbehandeln.
Alex: Die chemischen Keulen also nicht als Dauerlösung, verstanden! Pflanzliche Stoffe werden schon lange bei Schlafproblemen eingesetzt. Ein Hoch auf Omas Lavendelkissen?
Nico: Das größere Problem ist häufig gar nicht das Lavendelkissen. Problematisch wird es, wenn durch die Unmengen an fröhlich-bunten Präparaten in Drogerien, Apotheken und Onlineshops das gesundheitliche Risiko länger andauernder Schlafstörungen verharmlost wird.
Morgens mein Smoothie, abends mein Baldrian. Laut Werbung muss man ja nur durch ein Lavendelfeld pilgern und schon fällt alle Mühsal von einem ab. Aber eine berufstätige Mutter mit einem fiesen Chef, zwei pubertierenden Kindern und einem nörgelnden Partner kann sich tagelang in Melisse einlegen und permanent Walgesängen lauschen – wenn die Ursachen ihrer Schlafprobleme bestehen bleiben, wird das langfristig kaum die Lösung sein.
Und wer Nachtschichten schiebt, auf Partys durchfeiert, großzügig Substanzen einwirft oder beruflich permanent durch die Welt jettet, löst das zugrunde liegende Problem ebenfalls nicht einfach mit einem Spray.
Was ist mit Melatonin?
Alex: Gut, dass du das erwähnst. Melatonin ist inzwischen überall zu finden: Sprays, Tabletten, Kapseln, Gummis und Kombipräparate. Was hältst du davon?
Nico: Was noch fehlt, ist Klopapier mit Melatonin – eine echte Marktlücke.
Natürlich ist die Idee erst einmal naheliegend. Melatonin ist ein körpereigenes Hormon und spielt eine wichtige Rolle bei der Steuerung unseres Tag-Nacht-Rhythmus. Inzwischen ist Melatonin auch deutlich besser untersucht als noch vor einigen Jahren.
Das bedeutet aber nicht, dass es ein universelles Schlafmittel ist. Die Wirkung hängt stark davon ab, welches Schlafproblem überhaupt vorliegt, wann Melatonin eingenommen wird und welches Präparat verwendet wird. Bei bestimmten Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus kann Melatonin sinnvoll sein. Bei einer chronischen Insomnie ist die Wirkung dagegen nicht mit einem einfachen „Melatonin macht guten Schlaf“ beschrieben.
Gerade weil Melatonin inzwischen in sehr vielen frei verkäuflichen Produkten steckt, entsteht schnell der Eindruck: körpereigen gleich natürlich gleich völlig unproblematisch. So einfach ist es nicht. Auch hier lohnt sich Beratung – insbesondere bei regelmäßiger Einnahme, anderen Medikamenten oder bestehenden Erkrankungen.
Schlafhygiene ist wichtig – aber nicht die ganze Therapie
Alex: Medikamente können also nützlich sein. Aber wenn Schlafprobleme dauerhaft bestehen, muss man das Übel dann nicht an der Wurzel packen?
Nico: Genau. Dauerhafter Schlafmangel und chronische Schlafstörungen können Körper, Psyche und Leistungsfähigkeit erheblich belasten. Konzentration, Stimmung und Reaktionsfähigkeit leiden. Langfristige Schlafprobleme stehen außerdem mit verschiedenen körperlichen und psychischen Erkrankungen in Zusammenhang.
Deshalb sollte man Schlafprobleme weder dramatisieren noch ignorieren.
Ein erster Schritt ist häufig die sogenannte Schlafhygiene. Dazu gehören ein möglichst regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, Bewegung am Tag, ein Schlafzimmer, das möglichst ruhig, dunkel und nicht zu warm ist, sowie ein bewusster Umgang mit Alkohol, Koffein und anderen stimulierenden Substanzen.
Auch die permanente Erreichbarkeit kann zum Problem werden. Smartphone, Tablet und Laptop müssen nicht mit ins Bett. Eine Abendroutine kann helfen, Körper und Kopf zu signalisieren, dass der Tag langsam zu Ende geht.
Und kein halbes Schwein mit Erbsen unmittelbar vor dem Schlafengehen.
Wichtig ist aber auch: Bei einer echten chronischen Insomnie reicht Schlafhygiene allein häufig nicht aus.
Wenn Schäfchenzählen nicht mehr reicht
Alex: Was macht man dann?
Nico: Heute spielt die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie – kurz KVT-I – eine zentrale Rolle. Dabei geht es nicht einfach darum, sich einzureden, dass man gut schlafen wird. Man untersucht Gewohnheiten, Gedanken und Verhaltensweisen, die Schlafprobleme aufrechterhalten können, und verändert sie gezielt.
Dazu können beispielsweise feste Schlafzeiten, der bewusste Umgang mit langen Wachphasen im Bett und Techniken gegen die ständige gedankliche Beschäftigung mit dem eigenen Schlaf gehören.
Das ist ein wichtiger Unterschied: Schlafhygiene schafft gute Voraussetzungen für Schlaf. Eine gezielte Therapie versucht dagegen, die Mechanismen einer chronischen Schlafstörung zu verändern.
Medikamente können je nach Situation trotzdem sinnvoll sein – beispielsweise zeitlich begrenzt oder wenn andere Behandlungswege nicht ausreichen. Aber die Entscheidung darüber sollte gemeinsam mit Ärztinnen und Ärzten getroffen werden.
Und noch etwas: Bitte nicht selbst herumdoktern. Wenn Schlafprobleme über längere Zeit bestehen, die Leistungsfähigkeit am Tag deutlich beeinträchtigen, starke Tagesmüdigkeit auftritt oder andere Beschwerden hinzukommen, sollte man sie medizinisch abklären lassen. Hinter schlechtem Schlaf können beispielsweise psychische Belastungen, körperliche Erkrankungen, ein Restless-Legs-Syndrom oder eine Schlafapnoe stecken.
Schlaf ist kein Luxus. Dieses Problem ist zu wichtig, um es zu ignorieren.
Interviewerin: Alexandra Schellbach, Pharmazeutisch-technische Assistentin, Schönhauser Apotheke
Interviewter: Nico Reinold, Apotheker, Inhaber der Schönhauser Apotheke
Der Beitrag erschien ursprünglich in CK#17 und wurde für die Online-Veröffentlichung redaktionell und fachlich aktualisiert. Er dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung.
Externe Quellen:
S3-Leitlinie Insomnie bei Erwachsenen – AWMF
Bildnachweis: @Adi Goldstein auf Unsplash

