KI, Nähe und Sex mit Chatbots

Zwei humanoide Roboter vor dem Cyberdog in London – Symbolbild für Beziehungen, Nähe und Intimität mit künstlicher Intelligenz.

Ein Mann erschafft eine KI-Figur und nennt sie Eva. Er verliebt sich in sie, schreibt ihr ein eigenes Bewusstsein zu und investiert 100.000 Euro in eine Geschäftsidee, die aus dieser Beziehung entsteht. Am Ende wird er dreimal in eine Klinik eingeliefert und verliert seine Ehe.

Was wie der Plot einer düsteren Science-Fiction-Geschichte klingt, ist längst Realität.

Der Amsterdamer IT-Berater Dennis Biesma ist einer von inzwischen vielen dokumentierten Fällen, in denen Menschen zunehmend Trost, Nähe und Bindung bei einer künstlichen Intelligenz suchen, und dabei mitunter den Kontakt zur Realität oder zu realen Menschen verlieren. Was macht es mit unserer erlebten Intimität, wenn die KI zum neuen Gesprächs-, Flirt- oder Sexualpartner wird?

Der Psychiater Søren Dinesen Østergaard vom Aarhus University Hospital warnte bereits 2023 davor, dass KI-Chatbots bei Menschen mit einer Veranlagung zu Psychosen Wahnvorstellungen auslösen oder verstärken könnten. Sein Argument: Gespräche mit einem Chatbot können sich so real anfühlen, dass eine kognitive Dissonanz entsteht, die bei entsprechender Anfälligkeit wahnhaftes Denken befeuern kann.

2025 hat er diese These in einem weiteren Editorial in Acta Psychiatrica Scandinavica aktualisiert und berichtet, seither zahlreiche Zuschriften von Betroffenen, Angehörigen und Journalist*innen erhalten zu haben, die seine Vermutung anekdotisch stützen. Er fordert inzwischen systematische Forschung zu diesem Feld, weil die Evidenz trotz wachsender Fallzahlen noch immer dünn ist.

OpenAI hat im Oktober 2025 erstmals offengelegt, dass bei rund 0,07 Prozent der aktiv Nutzenden pro Woche Anzeichen einer psychischen Krise im Sinne von Psychose oder Manie auftauchen und bei 0,15 Prozent explizite Hinweise auf Suizidplanung. Bezogen auf die zum damaligen Zeitpunkt 800 Millionen wöchentlichen Nutzer*innen von ChatGPT ergibt das rund 560.000 beziehungsweise 1,2 Millionen Menschen. Die Geschichte von Dennis Biesma steht exemplarisch für eine wachsende Zahl ähnlich gelagerter Fälle, die von Initiativen wie dem Human Line Project gesammelt werden.

Warum Menschen sich an eine KI binden

Menschliche Bindung folgt bestimmten Mustern und Chatbots bedienen diese Muster erstaunlich präzise, ohne dabei ein echtes Gegenüber zu sein. In der psychologischen Forschung wird das Phänomen als parasoziale Beziehung beschrieben: eine einseitige, technologiebasierte Bindung, die Nähe und Vertrautheit simuliert, ohne dass auf der anderen Seite ein Bewusstsein oder eine tatsächliche Beziehungserfahrung existiert. Es gibt verschiedene Eigenschaften von KI-Chatbots, die dabei besonders stark auf unser Bindungssystem einwirken können.

Zum einen sind Chatbots permanent verfügbar. Sie kennen keine Erschöpfung, keinen Zeitdruck und keine eigenen Bedürfnisse, die einer Antwort im Weg stehen könnten, während echte Partner*innen durchaus Grenzen, Anspannung oder schlicht keine Zeit haben. Zweitens sind sie in aller Regel validierend eingestellt. Sie widersprechen selten, korrigieren kaum und spiegeln stattdessen zurück, was die nutzende Person hören möchte. Genau dieser Mechanismus der Zustimmung ist es auch, den Østergaard als Risikofaktor für Wahnvorstellungen beschreibt: Wer immer wieder bestätigt wird, verliert leichter den Realitätsbezug. Und schließlich lernen Chatbots im Gesprächsverlauf dazu und passen sich an Vorlieben und Kommunikationsstil an, wodurch das Gefühl entsteht, wirklich verstanden und gesehen zu werden. Studien zur digitalen Sexualität sprechen hier von einer Illusion von Intimität, die durch diese genannten Faktoren gezielt verstärkt wird.

Warum ein Chatbot Einsamkeit nicht besiegt

Aber kann KI unsere Bedürfnisse nach Verbindung, Liebe und Sex tatsächlich erfüllen? In einer interessanten Studie dazu wurden 296 Studienanfänger*innen in drei Gruppen eingeteilt: Eine Gruppe schrieb zwei Wochen lang täglich mit einer fremden Person aus der Uni, eine zweite Gruppe mit einem eigens entwickelten, besonders unterstützenden KI-Chatbot namens “Sam” und eine dritte Gruppe führte lediglich ein kurzes Tagebuch. Das Ergebnis zeigte eindeutig: Nur die Gruppe, die mit einem echten Menschen geschrieben hatte, berichtete am Ende eine signifikant geringere Einsamkeit. Der Chatbot verbesserte zwar kurzfristig die Stimmung, hatte aber keinen messbaren Effekt auf das Einsamkeitsempfinden, er schnitt in dieser Hinsicht nicht besser ab als das bloße Tagebuchschreiben.

Der Chatbot äußerte in den Gesprächen zwar mehr Empathie-Signale als die menschlichen Gesprächspartner*innen, doch die Studienteilnehmenden reagierten seltener mit eigener emotionaler Beteiligung darauf als im Gespräch mit einem Menschen. Die Studienautorin Ruo-Ning Li erläutert dies folgendermaßen: Bei einer KI kann man viel bekommen, hat aber nie die Gelegenheit, selbst etwas zurückzugeben. Genau dieses Geben und Nehmen, dieses Gefühl, für jemand anderen bedeutsam zu sein, scheint der entscheidende Faktor zu sein, den ein Chatbot nicht ersetzen kann. Interessant ist außerdem, dass die Forschenden ausdrücklich davor warnen, das Ergebnis überzuinterpretieren: Bei stärker isolierten Gruppen, etwa alleinlebenden älteren Menschen mit wenig Gelegenheit zu menschlichem Kontakt, könnte ein KI-Begleiter durchaus einen anderen Stellenwert haben als bei jungen Menschen mit vielen sozialen Optionen.

Wenn Trost zur emotionalen Abhängigkeit wird

Ein ähnliches Bild zeichnet eine gemeinsame Untersuchung von OpenAI und dem MIT Media Lab, die reale Nutzungsdaten von über 40 Millionen Konversationen mit einem kontrollierten vierwöchigen Experiment kombinierte. Die meisten Menschen nutzen ChatGPT sachlich, für Informationen oder Problemlösungen, nicht für emotionale Gespräche. Wer sich aber tatsächlich über persönliche Themen austauschte, berichtete tendenziell mehr statt weniger Einsamkeit, insbesondere wenn ein starkes Bedürfnis nach sozialer Bindung oder eine Tendenz zur Vermenschlichung des Bots vorlag. Eine Studie des Hamburg Center for Health Economics kommt zu einem vergleichbaren Ergebnis: Wer mindestens einmal wöchentlich persönliche Konversationen mit einer KI führt, ist deutlich einsamer, sozial isolierter und zurückgezogener als Menschen, die das nicht tun, wobei Männer und junge Menschen besonders betroffen sind. Bei nur gelegentlicher Nutzung fällt dieser Effekt kaum ins Gewicht.

Das Fazit aus einem Review für den Bereich romantischer und sexueller Beziehungen zu sogenannten “Companion-Apps”: Nutzer*innen erleben durchaus echte sexuelle und romantische Befriedigung, gleichzeitig zeigen die ausgewerteten Studien konsistent das Risiko emotionaler Abhängigkeit. Die KI wird, wie es in einer begleitenden Analyse heißt, zur Verlängerung des affektiven Selbst statt zu einer Informationsquelle, wobei kognitive Kontrolle zugunsten emotionaler Regulation zurückgenommen wird. Nutzer*innen berichten von echtem Trost und dem Gefühl, verstanden zu werden, das über reine Funktionalität hinausgeht.

Zusammengenommen zeichnet die Forschung ein konsistentes Bild. KI kann kurzfristig die Stimmung heben, Trost spenden und ein Gefühl von Verstandenwerden erzeugen. Sie kann aber die tiefere Funktion menschlicher Bindung nicht erfüllen, nämlich das Erleben von gegenseitiger Bedeutsamkeit, von Verletzlichkeit auf beiden Seiten und von echtem, nicht nur simuliertem Verstandenwerden. Genau das braucht unser Bindungssystem, um Einsamkeit nachhaltig zu lindern.

Die langfristigen Folgen des Rückzugs

Wenn Menschen sich zunehmend in eine Beziehung mit Maschinen zurückziehen, entstehen mehrere Dynamiken, die sich gegenseitig verstärken können. Die erste ist das Verlernen sozialer Fähigkeiten. Menschliche Beziehungen erfordern, Frustration auszuhalten, Kompromisse zu finden und mit Ablehnung umgehen zu können. Eine KI, die nie widerspricht, nie enttäuscht und nie eigene Bedürfnisse anmeldet, trainiert genau diese Fähigkeiten nicht. Der zweite Faktor ist ein sich selbst verstärkender Kreislauf aus Einsamkeit und Nutzung. Dieser Zusammenhang kann in beide Richtungen wirken. Einsame Menschen suchen häufiger Trost bei einer KI, und intensive KI-Nutzung geht mit weniger Zeit für echte menschliche Kontakte einher, was wiederum die Einsamkeit vertieft. Ein Teufelskreis, der schleichend verläuft und oft erst spät als Problem erkannt wird, weil sich die einzelnen Chatverläufe im Moment hilfreich anfühlen.

Die dritte, womöglich gravierendste Ausprägung schließlich, ist das, was Østergaard und andere als KI-induzierte Psychose beschreiben: der vollständige Verlust des Realitätsbezugs, ausgelöst oder verstärkt durch ein System, das strukturell darauf trainiert ist, im Gespräch zu bleiben und zuzustimmen, statt zu korrigieren und kritisch zu hinterfragen. Das ist zahlenmäßig zwar ein sehr kleiner Anteil, aber angesichts der schieren Anzahl der Personen, die insgesamt ChatGPT nutzen, eben doch mehrere Hunderttausend Menschen weltweit, wie die OpenAI-Zahlen zeigen.

Was wir davon heute schon sehen

Einiges davon ist längst keine Zukunftsmusik mehr. Aktuelle Zahlen zeigen, dass ChatGPT bereits von 90 Prozent der 16- bis 19-Jährigen in Deutschland genutzt wird und für viele Menschen Chatbots mittlerweile fest im Alltag verankert sind – auch als Gesprächspartner. “Companion-Apps” wie Replika, Nomi oder auch Candy AI werben inzwischen offen mit emotionalen und romantischen Beziehungen zu KI-Begleitern, häufig im Abo-Modell. Gleichzeitig wächst ein neuer Markt aus sogenannten Griefbots, die Verstorbene anhand ihrer digitalen Spuren nachbilden, um Trauernden das Gefühl zu geben, weiter mit ihnen sprechen zu können, was kurzfristig trösten, langfristig aber die Verarbeitung von Verlust erschweren kann.

Was bedeutet das nun zukünftig für unsere Beziehungssuche? KI kann punktuell die Stimmung heben, Informationen liefern und in akuten Momenten Trost spenden. Sie kann aber die Kernfunktion menschlicher Bindung nicht ersetzen, weil ihr genau das fehlt, was Bindung eigentlich ausmacht, nämlich Gegenseitigkeit, Verletzlichkeit auf beiden Seiten und ein Gegenüber, das auch mal widerspricht. Wer diese Erfahrung dauerhaft durch ein System ersetzt, das strukturell nur zustimmt, riskiert nicht nur noch mehr Einsamkeit, sondern in manchen Fällen auch den Bezug zur Realität zu verlieren.

Was die Forschung auch zeigt: Ein kurzes Gespräch mit einer Nachbarin, einem Kommilitonen oder einer fremden Person an der Kaffeetheke kann sogar mehr bewirken, als Stunden mit dem perfekt zugewandten Chatbot zu verbringen.

Bildnachweis: @Annie Spratt auf Unsplash

Quellen:

Ähnliche Beiträge