Looksmaxxing, Ozempic und warum queere Räume gerade an ihre Grenzen kommen
Der eigene Körper fühlt sich plötzlich wieder wie ein Projekt an. Überall geht es um Optimierung: fitter, definierter, disziplinierter, begehrenswerter. Looksmaxxing, Supplements, Routinen, Ozempic. Der Wunsch, Kontrolle nicht nur zu trainieren, sondern zu injizieren. Kaum ein Bereich wird derzeit so stark verhandelt wie unser Verhältnis zum eigenen Körper.
Und meistens wird das schnell moralisch abgewertet. Es sei zu viel, zu oberflächlich, zu narzisstisch. Aber das greift zu kurz.
Looksmaxxing: Kontrolle in einer unsicheren Welt
Denn wenn man etwas tiefer schaut, geht es hier nicht um Eitelkeit. Es geht um etwas Grundlegenderes: Wir leben in einer Welt, in der sich Sicherheit immer weniger stabil anfühlt. Jobs, Beziehungen, Zukunft – vieles wirkt fragiler als noch vor einigen Jahren. Wenn außen alles wackelt, sucht der Mensch instinktiv nach etwas, das er kontrollieren kann. Was ist naheliegender als der eigene Körper?
Der Philosoph Byung-Chul Han beschreibt unsere Gegenwart als Leistungsgesellschaft: Früher kam der Druck ausschließlich von außen – „du musst“. Heute kommt er auch von innen – „ich könnte noch besser sein“. Selbstoptimierung fühlt sich wie Freiheit an — ist aber oft nur Druck mit neuer Richtung.
Der Körper als Sicherheitsstrategie
Genau hier wird es emotional – gerade im queeren Kontext. Viele queere Menschen haben früh gelernt, dass ihr Körper bewertet wird, dass Begehren nicht selbstverständlich ist und Zugehörigkeit fragil sein kann. Für viele war und ist der Körper ein Mittel, um einen Selbstwert zu bauen: durch Attraktivität, durch Fitness oder dadurch, „richtig gelesen“ zu werden. Das ist nicht oberflächlich, sondern ein Überlebensmechanismus.
Und dann trifft das auf eine Kultur, die genau diese Dynamik permanent verstärkt. Einerseits gab es schon immer eine ausgeprägte Körperkultur – vom trainierten Gay-Body bis zur Ästhetik von Clubs, Dating-Apps und Social Media. Sichtbarkeit ist Schutzmechanismus, aber auch Währung. Andererseits war Queerness immer auch ein Raum für Widerstand: gegen Normen, gegen Schönheitsideale, gegen das „du musst so sein“.
Doch diese Räume verändern sich. Die Logik der Selbstoptimierung hat sie längst durchdrungen. Plötzlich geht es nicht mehr nur um Begehren, sondern um Vergleichbarkeit. Apps, Social Media und Clubkultur funktionieren über Sichtbarkeit, über Vergleich, über schnelle Entscheidungen: hot oder nicht, ja oder nein. Und damit verstärken sie genau das, was viele eigentlich hinter sich lassen wollten.
Die stille Falle der Optimierung
Hier liegt die eigentliche Falle. Wenn alles möglich scheint, wird Stillstand plötzlich zu persönlichem Versagen. Erschöpfung ist dann nicht mehr das Ergebnis eines Systems, das überfordert, sondern etwas, das du dir selbst zuschreibst. Ein Burnout fühlt sich nicht mehr wie Überforderung an, sondern wie: „Ich habe es nicht gut gemacht.“
Was wäre die Alternative? Die unbequeme Wahrheit ist: Echte Gesundheit sieht selten aus wie ein Glow-up. Sie ist langsamer, weniger spektakulär und weniger marktfähig. Manchmal bedeutet sie genau das Gegenteil von Optimierung: Pausen machen, weniger vergleichen, Grenzen akzeptieren, Ambivalenzen aushalten.
Vielleicht ist der ehrlichste Schritt, sich selbst dabei zuzuschauen und sich zu fragen, wann sich Optimierung wie Selbstfürsorge anfühlt und wann wie Druck. Wann du dir näher kommst und wann du dich eigentlich von dir entfernst. Das ist keine moralische Frage, sondern eine intime.
Und vielleicht ist der radikalste queere Akt heute, nicht noch mehr aus deinem Körper herauszuholen – sondern auszusteigen aus der Idee, dass dein Wert je daran gehangen hat.
Bildnachweis: @Shubham Dhage auf Unsplash

