Neu entfalten: Wirkstoffe in der Kosmetik

Abstrakte organische Struktur als Symbol für Wirkstoffe und Hautprozesse

Spoiler: Würden Anti-Falten-Cremes wirklich Falten glätten, gäbe es keine Schönheitsindustrie.
Da die Alterung der Haut bereits mit Ende 20 sichtbar wird, ist es ratsam, sie frühzeitig zu pflegen. Basis jeder Hautpflege ist eine milde Reinigung, die der Jahreszeit, dem Klima und der Lebenssituation entspricht. 

Proteine und Feuchtigkeit

Das Protein Kollagen findet sich in unterschiedlichsten Formen in unserem Körper (Knochen, Knorpel, Zähne), sorgt für die Zugfestigkeit unseres Bindegewebes und ist wesentlich am Aufbau unserer Haut beteiligt. Es verleiht der Haut Elastizität und Festigkeit sowie Struktur. Da auch Kollagen mit zunehmendem Alter abnimmt und Kollagenmoleküle aufgrund ihrer Größe nicht durch die Haut eingeschleust werden können, ist eine Anregung durch Wirkstoffe in kosmetischen Produkten die optimale Lösung. Elastin istebenfalls ein körpereigenes Protein und sorgt dafür, dass das Gewebe nach Dehnung wieder zu seiner Form zurückkehrt. Bei Schädigung dieser Proteine verliert die Haut an Feuchtigkeit, wird dünner, trocken und erschlafft: Falten entstehen.

Schutz- und Pflegecremes sind uns allen wohlvertraut. Je nach Saison unterstützen wir die Schutzfunktion unserer Haut mit entsprechenden Pflegeprodukten, denn sie soll glatt und geschmeidig aussehen, ohne Rötungen oder Pickel. Die Entstehung von Falten hängt auch sehr von der Lebensweise und der Mimik ab. Menschen, die rauchen, sich viel in der Sonne aufhalten und einen „ungesunden“ Lebensstil pflegen, werden auch trotz teurer Präparate mehr Falten bekommen als Personen mit gesünderer Lebensweise. Auch wer ständig skeptisch dreinblickt, dem die Sorgen von der Stirn abzulesen sind, oder – mangels korrekter Sehhilfe – ständig die Augen zusammenkneift. Nicht vorhandenes Unterhautfettgewebe hat den Nebeneffekt, dass die Haut dünner ist und schnell alt aussieht, endlich dürfen wir das eine Kilo Übergewicht willkommen heißen.

Sternchen und das Kleingedruckte

Klingt bekannt: „Faltenglätte in 3 Wochen – über 90 % der Anwender und Anwenderinnen sind begeistert*“ oder „93 % bestätigen eine sichtbar ebenmässigereHaut*“. Schon mal das kleine * Sternchen wahrgenommen? Beim Blättern durch die Illustrierten strahlen wunderschöne Models, perfekt geschminkt oder retuschiert, auf der teuren Anzeige des entsprechend teuren Tiegels einer Anti-Aging oder Anti-Falten-Creme. 

Sucht man weiter, findet sich meist eine sehr kleine Erklärung für das „*“ Sternchen, die oft senkrecht im Innenrand des Blattes (neben der Falz) erklärt wird: „Selbstbeurteilung von 47 weiblichen Testpersonen nach 21 Tagen Anwendung.“ Selbstbeurteilt? Vorher nur Wasser und Seife benutzt? Oder noch besser: „Wissenschaftliche Studie mit 17 Probandinnen …“ Wissenschaftlich liest sich das gut, aber Siebzehn? Ich habe ja mehr Kollegen! Doch was kann ein Kosmetikprodukt tatsächlich, das schon rein rechtlich nicht tief in die Haut eindringen darf?

Moleküle und Verbindungen

Neben den Grund- und Hilfsstoffen umwirbt die Industrie ihre Produkte mit „Wirkstoffen aus der Natur“ oder „High-Tech-Wirkstoffen“ wie HY-A-LU-RON. Lobgesänge auf Wundermittel wie Stoßgebete an die Götter der Jugend. Übrigens heißt der Stoff wissenschaftlich korrekt: HYALORONAN, wird in der INCI-Deklaration mit Sodium Hyaluronate bezeichnet und zählt zu den Feuchtigkeitsspendern.Selbst wenn dieser Inhaltsstoff einen schwer auszusprechenden Namen hat: Er hilft dabei, dass die Haut elastischer, praller und feuchter wird. Die ersten Pflegecremes enthielten noch das aus dem Hahnenkamm gewonnene Hyaluron – mittlerweile wird es auch synthetisch, etwa aus Mikroorganismen gewonnen.

Als Bestandteil des NMF (Natürlicher Feuchthaltefaktor) wird er von unserem Körper sogar selbst produziert und ist Hauptbestandteil des zwischen den Hautzellen liegenden Bindegewebes und „das Schmiermittel“ für unsere Gelenke. Hyaluron hat hervorragende wasserbindende Eigenschaften und ein Milligramm kann sechs Gramm Wasser binden. Durch seine hohe Verträglichkeit wird Hyaluronsäure zum Beispiel auch in Form von Augentropfen als Tränenersatz bei trockenen Augen eingesetzt. 

Hyaluron liegt in unterschiedlichen Größen vor: Im Körper meist als langkettige Verbindung mit hoher Molekülmasse. Es kann die Hautbarriere aber nicht penetrieren. Dafür kann es aber mit dem Keratin der Haut beim Verdunsten einen Film bilden, der diese mit Feuchtigkeit versorgt und somit die Elastizität verbessert. Zusätzlicher Effekt: Hyaluron hat entzündungshemmende und insofern pflegende Eigenschaften. Mit der Hautreinigung spülen wir aber alles ab und haben keinen Langzeiteffekt. Für einen guten „oberflächlichen“ Effekt wird überwiegend die kurzkettige Verbindung eingesetzt. Sie hat eine niedrige Molekülmasse und kann daher tiefer in die Haut eindringen und dafür sorgen, dass Wasser im Bindegewebe gespeichert wird. In Verbindung mit einem kleineren Anteil der höheren Molekülmasse erzielt man neben der etwas tieferen und somit straffenden Wirkung einen sofortigen Feuchtigkeitsfilm. Durch regelmäßige Anwendung kann die Hautoberfläche geschmeidiger und die Wasserbindungskapazität der Haut gesteigert werden, wodurch die Haut straffer und praller wirkt und Fältchen sichtbar verringert werden.

Erst in der Verwendung als Filler mittels Injektion hat man den längerfristigen Effekt der Aufpolsterung – je nach Vernetzungsgrad und eigener Verstoffwechslung bis zu 6 Monate. In Deutschland dürfen nur Ärzte/Ärztinnen und Heilpraktiker/innen solche Injektionen vornehmen. Bitte unbedingt Wert auf eine ausführliche Beratung und Aufklärung legen. Falsch injiziert, können neben Knubbeln und Wülsten auch Gefäßverschlüsse auftreten.

Radikale und Aktionen

Neben der Hyaluronsäure zählen die ebenfalls hauteigenen Stoffe Glycerin, Milchsäure, Urea und Pentylenglycol zu den Feuchtigkeitsspendern. Sie sollten für eine optimale Wirkung (Feuchtigkeitsboost) kombiniert in Pflegeprodukten verwendet werden. Und wenn es um schwierige Namen geht: Das Natriumsalz der Pyrrolidonsäure (PCA) gehört ebenfalls dazu.

Übrigens: Früher haben die Waschfrauen, wenn sie abends ausgehen wollten, ihre ausgelaugten Hände dünn mit reinem Glycerin, einem dreiwertigen Alkohol, eingerieben. Dieses kann ebenfalls Wasser binden und kurzfristig die Haut wieder prall aussehen lassen. Glyzerin hat aber immer das Bestreben, Wasser anzuziehen, und kann bei trockener Raumluft auch die noch vorhandene Feuchtigkeit aus der Haut ziehen und somit oberflächlich eine glatte Haut vortäuschen. Deswegen heutzutage bitte nicht mehr pur anwenden, sondern in Kombination mit anderen Feuchthaltemitteln und Fetten.

Antioxydantien, auch Radikalfänger genannt, wirken der Hautalterung entgegen, indem sie die Zellen vor chemisch hochreaktiven Stoffwechselprodukten, den freien Radikalen, schützen. Zu den bekanntesten zählt das Vitamin C aus Zitrone, Orange und Paprika, die wir zu uns nehmen, um unser Immunsystem zu stärken. Auf der Haut mildert es Pigmentflecken, regt die Kollagensynthese an und sorgt für einen „Glow-Effekt“.

Das „Langlebigkeitsmolekül“ Resveratrol wird u.a. aus Weintrauben und Himbeeren extrahiert und stimuliert die Kollagen-Produktion, neutralisiert freie Radikale und hat zudem eine entzündungshemmende Wirkung.

Q10 unterstützt die Zellen bei der Hauterneuerung und schützt ebenfalls vor den freien Radikalen. Ubiquinol lautet die eigentliche Bezeichnung für das Coenzym, auf lateinisch etwa „überall“, als Hinweis darauf, dass es von allen Zellen im menschlichen Körper benötigt wird. Es unterstützt bei der Umwandlung von Nahrung in Energie und wirkt außerdem zellschützend. 

Retinol ist eine sehr effektive Form des Vitamin A und an verschiedenen Prozessen im menschlichen Körper beteiligt. In den oberen Hautschichten regt es die Bildung neuer Hautzellen an und in den unteren Hautschichten die Produktion von Kollagen. So sorgt es für ein stabiles Hautgerüst und eine reduzierte Faltenbildung. Außerdem bewirkt es ein verbessertes Hautbild durch Verfeinerung der Poren.

Vitamin E (Tocopherol) unterstützt zusätzlich die Regenration gestresster Haut.

B-Vitamine schützen vor Feuchtigkeitsverlust und wirken entzündungshemmend und beruhigend.

Oligo-Peptide sind Aminosäuren, die die Hautzellen stärken, indem sie dafür sorgen, dass die Proteine ihre Wirkung besser entfalten. Gleichzeitig können sie UV-Strahlen, Schadstoffe und Bakterien fernhalten.

Ceramide sind natürliche Fette. Die mindestens neun verschiedenen Arten befinden sich in der Hornschicht und unterstützen die natürliche Hautbarriere. Sie verhindern ein Austrocknen der Haut und schützen gleichzeitig vor äußeren Einflüssen sowie vor Bakterien, Viren und Pilzen. Ceramid-Vorstufen wie Phosphatidylcholine wiederum helfen, Ceramide zu synthetisieren. Ein wichtiger Stoff dafür ist die Linolsäure, die wir auch in Pflanzenölen finden. Leinöl und Nachtkerzenöl zum Beispiel sind auch optimale Lebensmittel-Fette zur Einnahme bei trockener Haut. 

Das Thema Silikone hatten wir im zweiten Teil dieser Serie, aber hier nochmal kurz und knapp: Fältchen werden optisch aufgepolstert und die Haut erscheint schneller wieder glatt. Pflegewirkung haben sie aber keine, da sie letztendlich auch nur im Abwasser landen: Bei der Hautpflege besser darauf verzichten!

Eine grundlegende Einordnung zur Haut als Organ bietet der erste Teil dieser Serie.

Bildnachweis: @Laszlo Toth auf Unsplash

  • Die Texte dieser Serie entstanden in Zusammenarbeit mit den Witzleben Apotheken (Berlin) und basieren auf langjähriger Beratungserfahrung.
    Michaela Medrow
    Pharmareferentin und Kosmetikerin

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