Schönheitsdruck in der Community: Gefangen im eigenen Körperbild

Mann sitzt nachdenklich auf einem Bett – Symbolbild für Körperbild, Selbstwahrnehmung, Schönheitsdruck und Selbstzweifel in der schwulen Community.

Wer kennt das nicht? Man sieht ein Foto von sich und denkt plötzlich: So schlecht sehe ich ja gar nicht aus. Im Spiegel dagegen fallen oft nur die vermeintlichen Makel auf. Gerade in Zeiten von Dating-Apps, sozialen Medien und permanenter Selbstoptimierung kämpfen viele Menschen mit einer verzerrten Wahrnehmung ihres eigenen Körpers. Besonders in der schwulen Community spielen Körperbilder und Schönheitsideale bis heute eine große Rolle. Der Fotograf Kiko Dionisio erlebt dieses Phänomen seit Jahren bei seiner Arbeit. Im Gespräch mit Check Magazin spricht er über Selbstzweifel, Schönheitsdruck und die Frage, warum wir oft viel kritischer auf uns selbst blicken als andere Menschen.

Der Junge von früher verschwindet nicht einfach

Hallo Kiko, du fotografierst viele Menschen aus unserer Community und hast dabei beobachtet, dass oftmals eine Diskrepanz zwischen der Fremd- und der Eigenwahrnehmung bei deinen Models besteht.

Das erste Mal fiel es mir auf, als ich einen Freund von mir fotografiert habe, einen ganz wunderhübschen Mann, der jeden Tag zum Sport ging. Ich habe mich immer gefragt, warum er das alles macht. Er erzählte mir, dass er als Kind immer übergewichtig war und als „der kleine fette Junge“ entsprechend gemobbt wurde. Diesen Jungen sah er immer noch im Spiegel und nicht den gut gebauten Mann, der er mittlerweile war. Das fand ich sehr spannend, auch weil er der Letzte gewesen wäre, bei dem ich vermutet hätte, dass er Probleme mit seinem Aussehen hat.

Wie oft passiert es dir, dass sich deine Models in ihrem Körper zunächst gar nicht wohlfühlen?

Eigentlich fast immer. Meistens musste ich sie zunächst überhaupt überreden, sich fotografieren zu lassen. Sehr häufig kam die Antwort: „Nein, ich bin noch nicht so weit. Gib mir noch ein halbes Jahr. Ich sehe noch nicht gut genug aus.“ Und das, obwohl viele bereits aussahen wie Adonisse. Selbst wenn wir dann angefangen haben zu fotografieren, hat es oft eine Stunde gedauert, bis sie wirklich loslassen konnten.

„Zu 99 Prozent sind die Models überrascht, wie gut sie aussehen.“

Ich arbeite viel mit Licht und Schatten und leite die Menschen während des Shootings sehr genau an. Deshalb wissen sie oft gar nicht, wie die Bilder am Ende wirken. Um Sicherheit zu vermitteln, zeige ich die Aufnahmen direkt zwischendurch. Zu 99 Prozent sind die Models überrascht, wie gut sie aussehen.

Das Streben nach einem unerreichbaren Ideal

Woran liegt das deiner Meinung nach?

Viele Menschen jagen einem Ideal hinterher. Alles, was diesem Ideal nicht entspricht, erscheint ihnen automatisch als unzureichend. Man will nicht mehr so aussehen wie früher oder orientiert sich an einem Sänger, Schauspieler oder Influencer. Dahinter steckt häufig die Vorstellung, irgendwann perfekt sein zu müssen.

Schönheitsdruck in der Community

Es wird viel über Schönheitsdruck innerhalb der Community gesprochen. Welche Rolle spielt er?

Ich bin vorsichtig damit, alle Probleme ausschließlich auf die Community zu schieben. Unsere gesamte Gesellschaft orientiert sich stark an Äußerlichkeiten. Das betrifft nicht nur schwule Männer.

Bei vielen Schwulen der Generation 45 plus kam jedoch die AIDS-Krise hinzu. Um als gesund, leistungsfähig und begehrenswert wahrgenommen zu werden, entstand teilweise ein Idealbild, das mit der Realität wenig zu tun hatte: perfekte Haut, ein trainierter Körper und maximale Kontrolle über sich selbst. Einige dieser Vorstellungen wirken bis heute nach.

Gefangen im eigenen Traum

Vor einigen Jahren war ich auf einer Circuit-Party in Barcelona. Das war für mich eine interessante Erfahrung. Teilweise hatte ich das Gefühl, nur noch Körper zu sehen. Viele Menschen wirkten unglaublich attraktiv, aber gleichzeitig auch unerreichbar.

„Er hat zwar diesen tollen Körper für die Gesellschaft aufgebaut, aber niemand spricht ihn an.“

Viele Menschen denken dann: Wow, der sieht fantastisch aus. Den würde ich niemals ansprechen. Doch damit entsteht ein Paradox. Jemand investiert enorm viel Zeit in sein Aussehen, wird bewundert, aber kaum angesprochen, weil andere glauben, keine Chance zu haben. So entsteht eine Form von Einsamkeit mitten im Bewundertwerden.

Soziale Medien: Problem und Chance zugleich

Welche Rolle spielen soziale Medien dabei?

Natürlich wird viel über die negativen Auswirkungen gesprochen. Über Vergleiche, Filter und unrealistische Ideale. Das alles existiert. Gleichzeitig bieten soziale Medien aber zum ersten Mal die Chance, echte Vielfalt sichtbar zu machen.

Trotzdem scheint das noch nicht selbstverständlich zu sein.

Nein. Ich habe oft Schwierigkeiten, Menschen mit ganz normalen Körpern für Shootings zu gewinnen. Viele finden sich in den Bildern, die sie online sehen, gar nicht wieder. Manche glauben sogar, sie würden einen Account „verschlechtern“, wenn sie dort auftauchen. Das ist eigentlich absurd.

Mich interessieren Ausstrahlung, Persönlichkeit und Präsenz. Nicht Perfektion.

Die Pandemie hat vieles verändert

Wir leben heute in anderen Zeiten als noch vor einigen Jahren.

Absolut. Die Pandemie hat viele Selbstverständlichkeiten infrage gestellt. Plötzlich fielen die gewohnten Resonanzen weg. Arbeit, Ausgehen, Bestätigung durch andere Menschen – vieles funktionierte nicht mehr wie gewohnt.

Wir leben normalerweise davon, dass wir etwas zeigen und eine Reaktion darauf bekommen. Während der Pandemie mussten viele Menschen lernen, sich selbst auszuhalten. Manche haben dabei neue Seiten an sich entdeckt. Andere haben gemerkt, wie schwer es ihnen fällt, sich selbst zu spüren.

Mehr als nur ein Profilbild

Ein großer Teil unserer Kommunikation läuft mittlerweile digital und oft über Fotos. Verändert sich das wieder?

Bei mir persönlich schon. Ich habe mich von Dating-Apps verabschiedet. Heute gehe ich lieber in eine Bar oder zu einer Veranstaltung, wenn ich jemanden kennenlernen möchte.

Ich möchte Menschen hören, riechen, ihre Gestik erleben und sehen, wie sie in diesem Moment tatsächlich sind. Das unmittelbare Erleben interessiert mich mehr als jedes perfekt kuratierte Profil.

Vielleicht liegt das eigentliche Problem gar nicht darin, dass wir zu wenig attraktiv sind. Vielleicht liegt es darin, dass wir gelernt haben, uns selbst mit den Augen eines unerreichbaren Ideals zu betrachten.

Wer ständig versucht, einem Traum hinterherzulaufen, übersieht leicht die Person, die bereits im Spiegel steht.

Hier findest du Kiko Dionisio

Interview: Torsten Schwick

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