Körper zurück!
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Wenn Kulturkampf und Klicklogik den Körper vereinnahmen, bleibt Nähe das radikalste Gegenmittel. Der Körper ist längst mehr als Privatsache – er ist zur Konfliktzone geworden. Während der Corona-Pandemie entschied er über Zugehörigkeit: geimpft oder ungeimpft, drin oder draußen. Heute wird er in kulturellen Auseinandersetzungen neu vermessen: Wer darf welche Frisur tragen, wer dagegen protestieren? Jede Geste, jedes T-Shirt wird zur Projektionsfläche von Ideologien. Genau hier zeigt sich der wahre Kulturkampf: Nicht um Symbole allein, sondern um Körper als Austragungsort gesellschaftlicher Machtspiele.
Corporate Intimacy
Swipes und Algorithmen prägen, wie wir unsere Körper wahrnehmen und wie andere Macht über sie beanspruchen. Dating-Apps haben den uralten Balzraum gekapert und in eine Arena der Aufmerksamkeit verwandelt. Was früher Stimme, Geruch, Haltung entschieden, regeln heute Filter und Swipes. Auswahl im Überfluss, Resonanz im Mangel. Ein Marionettentanz der Avatare.
Der Umbau von Identitäten zu Touchscreen-Silhouetten ist besonders für queere Menschen fatal: Denn unsere Körper waren nie neutral, sie waren immer Frontlinie, Zielscheibe, Zeichen. Digitalisiert und analog verwässert, verliert die Community einen Kern ihrer Kultur – Tanz, Sex, Protest, Intimität. Wir leben in einer Welt, die nicht für uns gemacht ist. Ist Rückzug da wirklich die beste Verteidigung?
Swipe, Ghost, Repeat
Unsere Bildschirme flackern wie Spielautomaten: Grindr-Swipes, Nachrichten um zwei Uhr morgens, Gesichter, Versprechen, Ablenkungen. Wir leben im „Swipe, Ghost, Repeat“-Loop: Neuheit wird gejagt, Intimität verschoben, Identität gelöscht. Manche Neurowissenschaftler*innen sprechen von digitaler Demenz – nicht Alzheimer, doch sein Schatten. Aufmerksamkeit zerfasert, Gedächtnis schwindet, Geduld erodiert. Gerade jene Fähigkeiten, die Nähe ermöglichen – Präsenz, Kontinuität, das Warten – gehen verloren.
Millennials und Gen Z haben weniger Sex als ihre Eltern im selben Alter. Weniger Partner, weniger Begegnungen, weniger körperliche Verhandlung. Die viel umstrittene Monogamie wird paradoxerweise lauter eingefordert, gerade da körperliche Nähe seltener wird. Exklusivität als Besitzanspruch trifft auf leere Betten – die Sparpolitik der Liebe. Oder ist es schlicht die Oberflächenlogik der Plattformen, die Kulturkampf und Konsum nahtlos ineinander übergehen lässt?
Ekstase im Stand-by
„Immer mehr, immer härter“ klingt nach einem guten Geschäftsmodell – außer man ist User. Drogen und Sexualität gibt es zwar schon seit die Primaten gegärte Früchte konsumierten und sich dann in den Lianen vergnügten. Doch die Verbreitung von Chemsex lässt sich kaum von der rasanten Digitalisierung trennen: mehr Optionen, weniger Grenzen. Von außen wirkt es wie gesteigerte Lust – mehr Ausdauer, mehr Ekstase. Doch tatsächlich wird der Körper nicht intensiver erlebt, sondern betäubt. Er wird zur Maschine, die Leistung imitiert und Empfindung ausschaltet. Chemsex verkauft sich wie eine VIP-Lounge der Lust: Eintritt frei, Drinks inklusive. Aber am Ende sitzt du trotzdem allein im Backstage – der Körper leergetanzt, die Seele nicht eingeladen. Chemsex ist vielleicht weder Ursache noch Symptom, sondern ein Zerrspiegel: Er zeigt nicht, was wir brauchen – Intimität, Gesellschaft, Zusammenhalt –, sondern was wir um jeden Preis sein wollen.
Schweiß statt Screens
„Körper zurück!“ heißt deshalb nicht: Weg von der Digitalität. Sondern: Den Körper neu bewohnen. Räume zurückerobern, in denen Schweiß wichtiger ist als Selfies. Pride-Demonstrationen, die nicht nur sichtbar, sondern spürbar sind. Sex, der nicht Leistung misst, sondern Resonanz. Wir brauchen nicht mehr Hashtags, sondern Orte, an denen Körperlichkeit nicht unterdrückt, sondern gefeiert wird.
Denn Menschsein ist kein Zustand, sondern ein Werden – und dieses Werden ist leiblich. Wir brauchen unsere Körper nicht als Maschinen, nicht als Marken, nicht als Symbole. Sondern als verletzliche, begrenzte, lebendige Orte, an denen Nähe und Freiheit möglich werden.
Körper zurück – nicht, weil es leichter ist. Sondern weil es echter ist. Nähe bleibt das radikalste Gegenmittel zur Isolation.
Bildnachweis: @frank lorenz | @galerienewman
