Wenn es nicht wieder ruhiger wird

Silhouette eines sitzenden Menschen in einer Wiese bei Sonnenuntergang vor einem orangefarbenen Himmel.

Viele Menschen warten darauf, dass es sich beruhigt. Nach der nächsten Krise, nach dem nächsten Wahlergebnis, nach dem letzten queerfeindlichen Angriff. Denn wenn die Nachrichten mal wieder langweilig sind, dann kann man endlich wieder richtig planen. Doch irgendwann fällt auf, dass dieses „Dann“ seit Jahren vor einem hergeschoben wird und vielleicht gar nicht kommt.

Die Welt wirkt gerade nicht, als würde sie demnächst in einen Ruhezustand übergehen. Trotzdem verhalten sich viele so, als müsste erst Klarheit herrschen, bevor man sich bewegen darf. Erst wissen, wie es ausgeht, und danach entscheiden. Das Dumme ist nur: Gewissheit gibt es selten. Also bleiben die Entscheidungen liegen, und das nennen wir dann Vorsicht.

Wenn Angst im Hintergrund mitläuft

Und hier spielt Angst eine große Rolle. Sie ist dabei nicht das Problem. Wenn vieles unklar ist, ist Angst eine ziemlich normale Reaktion. Schwierig wird es, wenn sie uns einredet, dass wir erst weitergehen dürfen, wenn sie weg ist.

Menschen, die ohnehin mit großer Unsicherheit leben, kennen das besonders gut. In meiner Arbeit mit queeren Menschen zeigt sich oft, wie viel Aufmerksamkeit und Angst ständig im Hintergrund mitläuft: Wie reagiert das Umfeld auf mich? Ist es hier sicher? Wie „out“ kann ich mich zeigen? Das kostet enorm viel Kraft, auch wenn es von außen kaum auffällt.

Ein alter Gedanke aus einem Lehrgedicht des Hinduismus, der Bhagavad Gita, kann vielleicht etwas Erleichterung schenken und eine andere Perspektive ermöglichen. Sinngemäß lautet er: „Du kannst dein Handeln bestimmen, aber nicht, was daraus wird.“ Das klingt vielleicht erst einmal nach Schulterzucken, kann aber sehr entlastend sein. Der innere Frieden muss nicht vom Ergebnis abhängen.

Angst muss nicht erst verschwinden

Aber wie sieht das im Alltag aus, in einer unsicheren Welt, in der wir ständig funktionieren und erreichbar sein sollen? Es beginnt damit, überhaupt erst zu merken, wann die Angst da ist. Wann lenken wir uns ab, zum Beispiel mit Arbeit oder endlosem Scrollen, nur um nicht darüber nachdenken zu müssen?

Ablenkung ist menschlich und nicht immer falsch. Sie wird erst dann zum Problem, wenn sie die einzige Strategie ist, der Angst zu entfliehen. Oft hilft schon der Satz: Ja, das macht mir gerade Angst. Mehr nicht. Das Gefühl verliert ein Stück Macht, wenn es nicht mehr heimlich im Hintergrund mitläuft.

Dann stellt sich vielleicht eine andere Frage: nicht, wie wir die Angst loswerden, sondern was sie uns sagen will. Wer sie nur bekämpft, übersieht möglicherweise, worauf sie hinweisen möchte. Denn manchmal geht es nicht darum, die eigene Einstellung zu verändern, sondern etwas an der Situation selbst.

Den Ausschnitt kleiner machen

Und wenn einem alles zu viel wird, braucht es vielleicht keinen besseren Überblick, sondern einen kleineren Ausschnitt. Fragen wie: Was kann ich heute selbst beeinflussen? Was ist der nächste Schritt, der nicht perfekt sein muss und den ich notfalls noch ändern kann? Wovor fürchte ich mich gerade eigentlich – und ist das überhaupt schon passiert? Solche Fragen können helfen, das Gedankenkarussell zu stoppen.

Dazu gehört auch, nicht alles allein im Kopf tragen zu müssen. In Paarbeziehungen hilft es, wenn jede Person sagen darf, was schwer war, ohne dass sofort eine Lösung folgen muss. Auch ein ehrlicher Satz unter Freund*innen bewegt oft mehr als wochenlanges Durchhalten. Zuhören reicht. Das ist intimer als vieles andere. Es macht die Welt draußen nicht leichter, aber uns drinnen stärker.

Und bleibt die Angst bestehen und beeinträchtigt dauerhaft den Schlaf oder den Alltag, ist professionelle Unterstützung der richtige Schritt.

Unsicherheit und Angst auszuhalten heißt nicht, sie gut finden zu müssen. Sie sind ein Teil unseres Lebens. Losgehen kann man trotzdem. Mal besser, mal schlechter. Vielleicht ist genau das die Form von Kontrolle, die wir tatsächlich haben.

Bildnachweis: @Nima Mot auf Unsplash

Ähnliche Beiträge