Ich sehe die Red Flags. Warum verliebe ich mich trotzdem?
Wenn am Strand die rote Flagge weht, ist die Sache eindeutig: starke Strömung, hoher Wellengang, besser draußen bleiben. Niemand steht eine halbe Stunde am Ufer und denkt: Vielleicht meint die Flagge mich ja gar nicht.
Beim Dating sind wir optimistischer.
Dabei mangelt es nicht an Beziehungs-Vokabular. Wir kennen Red Flags. Wir wissen, was Gaslighting bedeutet, haben von Love Bombing gehört und können emotionale Unerreichbarkeit nach drei Dates diagnostizieren. Freund*innen erkennen ohnehin alles früher und teilen ihre Einschätzung ungefragt mit. Manchmal sehen wir selbst sogar, dass etwas nicht stimmt.
Und verlieben uns trotzdem.
Wissen schützt nicht vor Begehren
Wir behandeln Verliebtheit gerne wie eine Entscheidung, die nach ausreichender Information vernünftig getroffen werden könnte. Raucht, ist unzuverlässig, redet ausschließlich über den Ex, antwortet drei Tage nicht und steht anschließend nachts um zwei mit Champagner vor der Tür: vielen Dank für Ihre Bewerbung, leider müssen wir Ihnen mitteilen …
So funktioniert es nur leider nicht, denn „POPP“ knallt die Flasche. Der Schampus schmeckt leider geil.
Ein Mensch kann uns sexuell anziehen, während wir gleichzeitig Entscheidungen treffen, von denen wir wissen, dass sie uns nicht guttun. Wir können uns nach seiner Nähe sehnen und wissen, dass uns diese Nähe nicht guttut. Und wir können Verhaltensweisen erkennen, die wir bei der Beziehung einer Freund*in sofort problematisch fänden, während wir für die eigene Beziehung erstaunlich kreative Erklärungen entwickeln.
Er hatte eine schwere Woche. Sie hat Angst vor Nähe. Eigentlich ist er ganz anders. Sie braucht einfach Zeit. Er hat eben Temperament.
Und der Klassiker: Wenn wir einmal richtig zusammen sind, wird sich das schon einrenken.
Das muss zunächst überhaupt nichts Pathologisches bedeuten. Menschen sind widersprüchlich. Beziehungen sind es auch. Und niemand muss einen Partner verlassen, weil man zwei Haken auf einer Insta-Red-Flag-Liste setzt.
Interessant wird es dort, wo aus einzelnen Irritationen ein Muster entsteht – und wir dieses Muster zwar wahrnehmen, aber zunehmend damit beschäftigt sind, es zu erklären.
Wenn Erleichterung sich wie Liebe anfühlt
Eine mögliche Erklärung dafür trägt den sperrigen Namen: intermittierende Verstärkung.
Kurz erklärt: Das Prinzip der intermittierenden Verstärkung stammt aus der Lernpsychologie. Unvorhersehbare Belohnungen können erlerntes Verhalten besonders hartnäckig machen. Forschung zu romantischen Beziehungen deutet zudem darauf hin, dass Unsicherheit, Bindungsangst und Prozesse der sozialen Belohnung miteinander zusammenhängen können. Intermittierende Verstärkung ist dabei ein mögliches Erklärungsmodell – keine Universaldiagnose für schwierige Beziehungen.
Unberechenbarkeit kann in Beziehungen eine starke Bindungswirkung verströmen.
Da ist jemand anfangs unglaublich aufmerksam. Nachrichten am Morgen, Nachrichten am Abend, Sex, Nähe, Zukunftspläne. Man fühlt sich gesehen wie lange nicht mehr. Dann verändert sich etwas. Das Gegenüber zieht sich zurück, antwortet kaum noch, wirkt kalt oder provoziert einen Streit.
Und plötzlich ist die Wärme wieder da.
Ein fantastisches Wochenende. Eine Liebeserklärung. Großartiger Sex. Ein Gespräch bis fünf Uhr morgens. Endlich ist der Mensch wieder da, in den man sich verliebt hat.
Was für eine Erleichterung.
Diese Erleichterung kann sich so intensiv anfühlen, dass wir möglicherweise beginnen, auf sie zu warten. Nach einer Phase der Distanz bekommt die nächste liebevolle Nachricht plötzlich ein Gewicht, das sie in einer verlässlichen Beziehung vielleicht niemals hätte.
Aus „Ich freue mich, dass du da bist“ kann unmerklich „Gott sei Dank, du bist wieder da“ werden.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Vielleicht kommt die alte Version ja zurück
Besonders schwer wird es, wenn eine Beziehung sehr intensiv begonnen hat. Denn dann existiert eine Referenzversion dieses Menschen.
Der aufmerksame Mensch vom Anfang. Der Mann, der morgens Kaffee ans Bett brachte. Die Frau, die einem das Gefühl gab, endlich verstanden zu werden. Der Typ, mit dem man drei Tage kaum geschlafen hat, weil Reden und Sex interessanter waren.
Wenn sich das Verhalten verändert, verschwindet diese Version nicht aus unserem Kopf. Im Gegenteil: Wir wissen ja, dass sie existiert. Wir haben sie erlebt.
Also warten wir darauf, dass sie zurückkommt.
Und manchmal kommt sie tatsächlich zurück. Für einen Abend, ein Wochenende oder zwei Wochen.
Das kann die Hoffnung bestätigen, dass nicht die guten Phasen die Ausnahme sind, sondern die schlechten. Vielleicht müssen wir nur noch dieses eine Problem lösen. Weniger eifersüchtig sein. Mehr Freiraum geben. Verständnisvoller reagieren. Besseren Sex haben. Nicht immer alles ansprechen.
Und damit verändert sich womöglich etwas Entscheidendes: Wir beschäftigen uns immer weniger damit, ob die Beziehung unseren Bedürfnissen entspricht – und immer mehr damit, was wir tun müssen, damit sie wieder so wird wie am Anfang.
Warum ziehe ich immer solche Menschen an?
Spätestens nach der zweiten oder dritten schmerzhaften Beziehung taucht gerne eine andere Frage auf: Was stimmt eigentlich mit meinem Beuteschema nicht?
Darauf gibt es keine hübsche Universalantwort.
Manche Menschen fühlen sich tatsächlich von Beziehungsmustern angezogen, die ihnen vertraut sind. Vertraut bedeutet dabei nicht automatisch angenehm. Wer Nähe beispielsweise als etwas erlebt hat, das unsicher oder schwer zu bekommen war, kann Verlässlichkeit anders wahrnehmen als jemand, für den sie selbstverständlich ist.
Oder wie dein Küchenpsychologie-Horoskop dir schon längst gesagt hat: Du datest emotional unerreichbare Männer, weil du Daddy-Issues hast.
Menschen verlieben sich aber aus mehr Gründen in Menschen, die ihnen später nicht guttun. Einsamkeit kann eine Rolle spielen. Sex. Selbstwertgefühl. Lebensphasen. Der Wunsch nach Intensität. Die Hoffnung, gebraucht zu werden. Oder schlicht die Tatsache, dass problematische Menschen ihre negativen Eigenschaften nicht so gerne power-pointen.
Hinzu kommt etwas Unbequemes: Stabilität und Aufregung fühlen sich nicht unbedingt gleich an.
Wer an ein Wechselbad aus Nähe und Distanz gewöhnt ist, kann die Abwesenheit dieses Wechselbads zunächst sogar als fehlende Leidenschaft interpretieren.
Keine Dramen. Keine nächtlichen Versöhnungen. Keine Angst, dass plötzlich alles vorbei sein könnte.
Ist das jetzt Liebe?
Oder ist das langweilig?
Vielleicht ist es manchmal einfach Sicherheit.
Ich wusste es doch
Im Rückblick sind Beziehungen immer leichter zu verstehen.
Plötzlich fügt sich alles zusammen. Dieser eine Satz beim zweiten Date. Die Geschichte über den angeblich verrückten Ex. Der erste Streit, bei dem man kurz dachte: Was passiert hier eigentlich gerade? Freund*innen, die vorsichtig fragten, ob wirklich alles in Ordnung sei.
Dann kommt schnell der Selbstvorwurf: Ich wusste es doch. Warum bin ich geblieben?
Aber zwischen dem Erkennen eines Warnsignals und dem Ziehen einer Konsequenz liegt ordentlich Raum.
Darin befinden sich Verliebtheit, Hoffnung, Sex, gemeinsame Erinnerungen, vielleicht eine Wohnung, Freundeskreise, finanzielle Abhängigkeiten oder einfach die Angst vor dem Alleinsein. Und all die guten Momente, die ebenfalls real waren.
Gerade deshalb hilft es wenig, sich im Nachhinein für die eigene vermeintliche Dummheit zu bestrafen.
Interessanter ist eine andere Frage:
Was habe ich angefangen zu tun, nachdem ich die Red Flag gesehen habe?
Habe ich eine Grenze gesetzt?
Oder habe ich begonnen, das Verhalten des anderen zu erklären?
Nicht jede Macke ist eine Red Flag
Das Internet hat uns nicht nur beigebracht, Warnsignale schneller zu erkennen. Es hat auch eine Sprache geschaffen, mit der sich nahezu jedes unangenehme Verhalten pathologisieren lässt.
Nicht jeder egoistische Ex ist ein Narzisst. Nicht jede Lüge ist Gaslighting. Nicht jeder enthusiastische Beziehungsanfang ist Love Bombing. Und jemand, der nach einem Streit einen Abend lang seine Ruhe möchte, betreibt nicht automatisch emotionalen Missbrauch.
Menschen dürfen kompliziert sein. Sie dürfen Fehler machen, schlechte Tage sowie Bindungsängste haben und gelegentlich auch mies kommunizieren.
Entscheidender als das einzelne Warnsignal ist deshalb oft das Muster.
Kann ich Nein sagen, ohne dafür bestraft zu werden? Werden meine Grenzen respektiert? Kann ich Bedürfnisse äußern, ohne anschließend stundenlang erklären zu müssen, warum ich sie überhaupt habe? Übernimmt mein Gegenüber Verantwortung? Oder lande am Ende zuverlässig ich bei der Entschuldigung?
Und vielleicht die einfachste Frage:
Wie geht es mir eigentlich, seit ich mit diesem Menschen zusammen bin?
Nicht heute Abend. Nicht nach dem fantastischen Wochenende. Sondern insgesamt.
Bin ich freier geworden oder vorsichtiger? Sicherer oder unsicherer? Muss ich immer häufiger überlegen, welche Version meines Partners mich erwartet – oder welche ich sehen will?
Die Flagge muss nichts beweisen
Unser Umgang mit Red Flags mag sich zwar verändert haben, schwieriger ist aber der nächste Schritt: dem eigenen Wissen auch dann zu vertrauen, wenn das Gefühl etwas anderes verlangt.
Denn natürlich kann auch ein wunderbarer Mensch Verhaltensweisen zeigen, die uns nicht guttun. Vielleicht hat er gerade eine schwere Phase. Vielleicht arbeitet sie wirklich an sich. Vielleicht wird beim nächsten Mal alles anders.
Vielleicht.
Aber eine Grenze braucht keinen Gerichtsbeschluss.
Wir müssen nicht erst beweisen, dass ein Mensch schlecht genug ist, um ihn verlassen zu dürfen. Wir dürfen auch feststellen, dass uns eine Beziehung nicht guttut.
Am Strand funktioniert das auch.
Die rote Flagge behauptet nicht, dass wir mit Sicherheit ertrinken werden. Vielleicht könnten wir hinausschwimmen und kämen problemlos wieder zurück. Sie sagt nur: Die Bedingungen sind gerade ungünstig.
Und manchmal ist das Grund genug, an Land zu bleiben.
Weiterführende Quellen:
- American Psychological Association (APA): Intermittent Reinforcement – Definition des lernpsychologischen Prinzips der intermittierenden bzw. partiellen Verstärkung.
- Whitchurch, E. R., Wilson, T. D. & Gilbert, D. T. (2011): “He Loves Me, He Loves Me Not …”: Uncertainty Can Increase Romantic Attraction. Psychological Science, 22(2), 172–175.
- Simpson, J. A. & Rholes, W. S. (2017): Adult Attachment, Stress, and Romantic Relationships. Current Opinion in Psychology, 13, 19–24.
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