Salutogenese: Gesund trotz Krisen und Stress?

Nachdenklicher Mann zwischen unscharfen Ästen im Wald. Das Bild steht symbolisch für Resilienz, Orientierung und Salutogenese.

Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Manche Menschen bewältigen schwere Krisen, chronische Erkrankungen oder Schicksalsschläge und behalten dennoch Lebensfreude, Zuversicht und innere Stabilität. Andere geraten bereits durch vergleichsweise kleine Belastungen aus dem Gleichgewicht. Warum ist das so?

Mit dieser Frage beschäftigte sich der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky. Seine Antworten führten zur Entwicklung eines Konzepts, das bis heute die Gesundheitswissenschaften prägt: die Salutogenese.

Was bedeutet Salutogenese?

Der Begriff stammt aus dem Lateinischen und setzt sich aus „salus“ (Gesundheit) und „genese“ (Entstehung) zusammen. Während die klassische Medizin häufig danach fragt, wie Krankheiten entstehen und behandelt werden können, richtet die Salutogenese den Blick auf eine andere Frage:

Was hält Menschen gesund?

Dabei geht es nicht darum, Krankheiten zu leugnen oder ihre Bedeutung zu relativieren. Vielmehr untersucht die Salutogenese, welche Faktoren dazu beitragen, dass Menschen trotz Belastungen, Krisen oder Erkrankungen körperlich und psychisch stabil bleiben.

Die überraschende Beobachtung von Aaron Antonovsky

Den Anstoß für seine Forschung erhielt Antonovsky in den 1970er-Jahren durch eine Studie über Frauen verschiedener ethnischer Gruppen in Israel. Ein Teil der Teilnehmerinnen hatte Konzentrationslager überlebt und unvorstellbare Traumata erfahren.

Trotz dieser extremen Belastungen berichteten viele von ihnen über eine gute körperliche und psychische Gesundheit. Antonovsky war von dieser Beobachtung tief beeindruckt. Statt ausschließlich nach den Ursachen von Krankheit zu suchen, begann er sich für die Faktoren zu interessieren, die Menschen auch unter schwierigsten Bedingungen gesund erhalten können.

Aus dieser Perspektive entstand die Salutogenese.

Gesundheit und Krankheit sind kein Entweder-oder

Ein zentraler Gedanke Antonovskys lautet, dass Gesundheit und Krankheit keine Gegensätze sind. Niemand ist vollständig gesund oder vollständig krank.

Stattdessen bewegen wir uns unser gesamtes Leben auf einem Kontinuum zwischen Gesundheit und Krankheit. Je nach Lebenssituation, Belastungen, Ressourcen und Bewältigungsstrategien können wir uns in die eine oder andere Richtung bewegen.

Stress gehört dabei zum Leben. Entscheidend ist nicht, ob Belastungen auftreten, sondern wie wir mit ihnen umgehen und welche Ressourcen uns zur Verfügung stehen.

Das Kohärenzgefühl: Der Schlüssel zur Salutogenese

Im Mittelpunkt von Antonovskys Theorie steht das sogenannte Kohärenzgefühl, im Englischen „Sense of Coherence“ (SOC).

Menschen mit einem starken Kohärenzgefühl sind überzeugt, dass ihr Leben grundsätzlich verstehbar, bewältigbar und sinnvoll ist. Sie erleben Herausforderungen nicht als chaotische Bedrohung, sondern als Aufgaben, mit denen sie umgehen können.

Antonovsky beschrieb drei zentrale Bestandteile dieses Kohärenzgefühls.

Verstehbarkeit

Menschen möchten ihre Welt verstehen. Wer über ein hohes Maß an Verstehbarkeit verfügt, empfindet das Leben als nachvollziehbar und strukturiert.

Auch unerwartete Ereignisse werden nicht als völlig unkontrollierbares Chaos erlebt, sondern können eingeordnet und erklärt werden.

Handhabbarkeit

Handhabbarkeit bedeutet das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Ressourcen.

Menschen mit einer ausgeprägten Handhabbarkeit gehen davon aus, dass sie Schwierigkeiten bewältigen können – sei es durch eigenes Handeln, durch Unterstützung von Familie und Freunden oder durch professionelle Hilfe.

Sie sehen sich weniger als Opfer äußerer Umstände und eher als aktive Gestalter ihres Lebens.

Sinnhaftigkeit

Die dritte Komponente ist die Sinnhaftigkeit.

Hier geht es um die Frage, ob das eigene Leben als bedeutsam erlebt wird. Menschen mit einem starken Gefühl von Sinn investieren eher Energie in Herausforderungen, weil sie darin einen Wert erkennen.

Dabei muss es nicht um große philosophische Fragen gehen. Familie, Freundschaften, Ehrenamt, Hobbys, Glaube oder persönliche Ziele können gleichermaßen Sinn stiften.

Warum manche Menschen widerstandsfähiger sind

Die Salutogenese überschneidet sich mit einem weiteren wichtigen Begriff der modernen Gesundheitsforschung: Resilienz.

Resilienz beschreibt die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und sich nach belastenden Erfahrungen wieder zu stabilisieren. Sie wird oft als psychische Widerstandskraft bezeichnet.

Resiliente Menschen erleben dieselben Belastungen wie andere Menschen. Der Unterschied liegt häufig darin, wie sie diese Ereignisse bewerten, welche Unterstützung sie erhalten und welche inneren Ressourcen sie aktivieren können.

Salutogenese und Resilienz verfolgen deshalb ein ähnliches Ziel: Sie richten den Blick auf die Kräfte, die Gesundheit fördern, statt ausschließlich auf die Ursachen von Krankheit.

Was stärkt unsere Gesundheit im Alltag?

Die gute Nachricht ist: Viele gesundheitsfördernde Faktoren lassen sich bewusst stärken.

Dazu gehören:

  • stabile soziale Beziehungen
  • regelmäßige Bewegung
  • ausreichend Schlaf
  • ausgewogene Ernährung
  • bewusste Erholungsphasen
  • sinnstiftende Aktivitäten
  • ein konstruktiver Umgang mit Stress
  • das Vertrauen, Herausforderungen bewältigen zu können

Dabei geht es nicht um Perfektion. Niemand lebt dauerhaft gesund, ausgeglichen und stressfrei. Entscheidend ist vielmehr die Fähigkeit, immer wieder zurück ins Gleichgewicht zu finden.

Gesundheit ist ein lebenslanger Prozess

Die Salutogenese erinnert uns daran, dass Gesundheit kein Zustand ist, den wir einmal erreichen und dauerhaft behalten. Sie ist vielmehr ein dynamischer Prozess, der sich ständig verändert.

Krisen, Krankheiten und Rückschläge gehören zum Leben. Gleichzeitig verfügen Menschen oft über erstaunliche Fähigkeiten, sich anzupassen, neue Kraftquellen zu erschließen und selbst schwierige Situationen zu bewältigen.

Vielleicht liegt gerade darin die wichtigste Botschaft der Salutogenese: Gesundheit entsteht nicht nur durch die Vermeidung von Krankheit, sondern auch durch die bewusste Stärkung der Faktoren, die uns tragen, stabilisieren und dem Leben Sinn verleihen.

Wenn wir lernen, unsere persönlichen Ressourcen zu erkennen und zu pflegen, schaffen wir die besten Voraussetzungen für körperliches und seelisches Wohlbefinden – unabhängig davon, welche Herausforderungen das Leben gerade bereithält.

Bildnachweis: @Vitor Monthay auf Unsplash

  • Die Texte dieser Serie entstanden in Zusammenarbeit mit den Witzleben Apotheken (Berlin) und basieren auf langjähriger Beratungserfahrung.
    Michaela Medrow Pharmareferentin und Kosmetikerin
    Michaela Medrow
    Pharmareferentin und Kosmetikerin

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