Sind Linkshänder häufiger Bottoms? Was die Forschung tatsächlich sagt
Es gibt Fragen, die entstehen nicht im Labor, sondern vermutlich auf einer Party, nach dem zweiten Aperol oder in einer schwulen WhatsApp-Gruppe. Zum Beispiel diese: Sind Linkshänder häufiger Bottoms?
So absurd die Frage zunächst klingt – tatsächlich haben sich Forschende genau damit beschäftigt. Genauer gesagt mit möglichen Zusammenhängen zwischen Händigkeit, Sexualität, Geschlechtsausdruck und sexueller Rollenpräferenz bei schwulen Männern.
Die kurze Antwort lautet: Vielleicht ein bisschen.
Die lange Antwort ist deutlich interessanter.
Warum Wissenschaftler sich für unsere Hände interessieren
Die meisten Menschen sind Rechtshänder. Etwa zehn bis fünfzehn Prozent der Bevölkerung nutzen überwiegend die linke Hand, während einige Menschen gemischthändig sind und je nach Tätigkeit beide Hände verwenden.
Für die Forschung ist Händigkeit spannend, weil sie mit der Entwicklung des Gehirns zusammenhängt. Bereits vor der Geburt entstehen Unterschiede in der Organisation bestimmter Hirnregionen. Deshalb gilt Händigkeit als eines von vielen Merkmalen, die Hinweise auf biologische Entwicklungsprozesse geben können.
Seit Jahrzehnten untersuchen Wissenschaftler deshalb mögliche Zusammenhänge zwischen Händigkeit und verschiedenen Eigenschaften – darunter Persönlichkeit, Sprachentwicklung, Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung.
Was bedeuten Top, Bottom und Versatile?
Wer neu in der schwulen Community ist, stolpert früher oder später über die Begriffe Top, Bottom und Versatile. Gemeint ist damit die bevorzugte sexuelle Rolle beim Analverkehr.
Ein Top übernimmt dabei meist die aktive beziehungsweise penetrierende Rolle.
Ein Bottom bevorzugt überwiegend die empfangende Rolle.
Als Versatile bezeichnen sich Männer, die beide Rollen mögen oder je nach Situation flexibel wechseln.
Wichtig ist: Diese Begriffe beschreiben sexuelle Vorlieben, keine Persönlichkeitstypen. Ein Top muss weder besonders dominant noch ein Bottom besonders feminin sein. Viele der bekannten Klischees halten einer näheren Betrachtung nicht stand.
Gerade deshalb interessieren sich Forschende für die Frage, ob es überhaupt biologische Faktoren gibt, die mit sexuellen Rollenpräferenzen zusammenhängen könnten.
Sind Bottoms wirklich häufiger Linkshänder?
Mehrere Studien kamen zu dem Ergebnis, dass nicht-rechtshändige Menschen unter homosexuellen Männern etwas häufiger vorkommen als unter heterosexuellen Männern.
Die Unterschiede sind allerdings deutlich kleiner, als manche Schlagzeilen vermuten lassen.
Niemand kann anhand seiner dominanten Hand vorhersagen, auf wen er steht. Trotzdem vermuten einige Forschende, dass bestimmte biologische Faktoren während der Schwangerschaft sowohl die Entwicklung der Händigkeit als auch bestimmte Aspekte sexueller Orientierung beeinflussen könnten.
Dabei geht es nicht um eine direkte Ursache-Wirkungs-Beziehung. Niemand wird schwul, weil er Linkshänder ist. Vielmehr könnten beide Merkmale teilweise auf ähnliche Entwicklungsprozesse zurückgehen.
Ob jemand Top, Bottom oder Versatile ist, lässt sich natürlich nicht an der Schreibhand bestimmen.
Und was hat das mit Tops und Bottoms zu tun?
Jetzt wird es spannend.
Einige Studien untersuchten nicht nur die sexuelle Orientierung, sondern auch die sexuelle Rollenpräferenz bei schwulen Männern.
Dabei wurden die bekannten Kategorien verwendet:
- Top: überwiegend aktiv bzw. penetrierend
- Bottom: überwiegend passiv bzw. empfangend
- Versatile: flexibel zwischen beiden Rollen
Die Forscher stellten fest, dass Männer, die sich als Bottom oder Versatile bezeichneten, statistisch etwas häufiger links- oder gemischthändig waren als Männer, die sich überwiegend als Top identifizierten.
Bevor jetzt hektisch die eigene Handschrift analysiert wird: Die Unterschiede waren zwar messbar, aber keineswegs dramatisch.
Es handelt sich um statistische Tendenzen innerhalb großer Gruppen – nicht um Regeln für einzelne Menschen.
Was könnte dahinterstecken?
Eine mögliche Erklärung betrifft die Entwicklung des Gehirns vor der Geburt.
Einige Wissenschaftler vermuten, dass Unterschiede in der Wirkung bestimmter Hormone während der Schwangerschaft sowohl die Ausbildung der Händigkeit als auch bestimmte geschlechtstypische Verhaltensweisen beeinflussen könnten.
In diesem Zusammenhang tauchen immer wieder Begriffe wie Testosteron, Gehirnlateralisation oder pränatale Entwicklung auf.
Das klingt kompliziert, bedeutet aber letztlich nur:
Unser Gehirn beginnt lange vor unserer Geburt, individuelle Besonderheiten auszubilden.
Dazu könnten sowohl die bevorzugte Hand als auch bestimmte Aspekte von Sexualität und Geschlechtsausdruck gehören.
Warum man solche Studien vorsichtig lesen sollte
So spannend die Ergebnisse sind, sie haben Grenzen.
Sexuelle Rollenpräferenzen entstehen nicht allein durch Biologie.
Persönliche Erfahrungen, Beziehungen, kulturelle Vorstellungen, Selbstbild, Körpergefühl und individuelle Vorlieben spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.
Außerdem verändern viele Menschen ihre sexuelle Rollenpräferenz im Laufe ihres Lebens. Wer sich heute als Top bezeichnet, kann morgen Versatile sein – oder umgekehrt.
Die Vorstellung, man könne anhand der dominanten Hand das gesamte Sexualleben eines Menschen entschlüsseln, gehört daher eher in die Welt der Internet-Mythen als in die Wissenschaft.
Ein Körnchen Wahrheit, aber keine magische Formel
Sind Linkshänder häufiger Bottoms?
Die Forschung deutet darauf hin, dass schwule Männer, die sich als Bottom oder Versatile bezeichnen, etwas häufiger links- oder gemischthändig sein könnten als Tops.
Die Unterschiede sind jedoch klein und erlauben keinerlei Rückschlüsse auf einzelne Personen.
Trotzdem zeigt die Forschung etwas Interessantes: Sexualität ist deutlich komplexer, als viele Menschen denken.
Und manchmal führen gerade die seltsamsten Fragen zu den spannendsten wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Wer hätte gedacht, dass ein Blick auf die eigene Schreibhand einmal Teil einer Diskussion über schwule Sexualität werden könnte?
Bildnachweis: @Andrik Langfield auf Unsplash
Quellen:
- Swift-Gallant A., Coome L.A., Monks D.A., VanderLaan D.P. (2017): Handedness is a biomarker of variation in anal sex role behavior and recalled childhood gender nonconformity among gay men
https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0170241 - Kishida M., Rahman Q. (2015): Fraternal Birth Order and Extreme Right-Handedness as Predictors of Sexual Orientation and Gender Nonconformity in Men
https://link.springer.com/article/10.1007/s10508-014-0474-0 - Lippa R.A. (2003): Handedness, Sexual Orientation, and Gender-Related Personality Traits in Men and Women
https://link.springer.com/article/10.1023/A:1022444223812 - Moskowitz D.A., Roloff M.E. (2016): Recognition and Construction of Top, Bottom, and Versatile Orientations in Gay/Bisexual Men
https://link.springer.com/article/10.1007/s10508-016-0810-7
