Long Covid: Ein Gefühl von Gift im Blut
Die COVID-19-Pandemie hat weltweit mehr als sieben Millionen Todesopfer gefordert. Millionen weitere Menschen haben die Infektion zwar überstanden – doch für viele endet die Krankheit nicht mit dem negativen Test. In Deutschland gehen Behörden von einer sechsstelligen Zahl Long-Covid-Betroffener aus. Diese Menschen leiden noch Monate oder Jahre nach der Infektion unter gesundheitlichen Einschränkungen.
Im ersten Teil berichteten wir über Symptome und Behandlungsprobleme. Dieses Mal spricht eine Betroffene selbst über ihren Alltag.
„Ich merkte schnell, dass etwas nicht stimmt“
Hallo Siham, wie hast du deine Diagnose erhalten?
Bei meiner zweiten Corona-Infektion im Herbst 2023 merkte ich schnell, dass etwas nicht stimmt. Mein Hausarzt brachte erstmals den Begriff Long Covid ins Spiel. Doch erst als meine Symptome über Monate anhielten und sich sogar verschlimmerten, erhielt ich die Diagnose „Post-COVID“.
Auch der Verdacht auf ME/CFS stand im Raum. Man riet mir schließlich, mich an die Charité zu wenden. Dort gibt es unter der Leitung von Professorin Carmen Scheibenbogen eine Spezialambulanz für postvirale Erkrankungen.
Wie verändert Long Covid den Alltag der Betroffenen?
Long Covid kann den Alltag der Betroffenen massiv einschränken. Viele leiden unter chronischer Erschöpfung, Schmerzen und sogenannter Post-Exertional Malaise, bei der bereits geringe Belastung zu einer starken Verschlechterung führt. Selbst einfache Tätigkeiten können dadurch kaum noch möglich sein.
Wie sieht dein Alltag heute aus?
Ich stehe vormittags auf und versuche abzuschätzen, wie stark die Symptome sind. Morgens geht es mir meistens am schlechtesten. Ich schaffe es gerade noch, mir ein einfaches Frühstück zu machen.
Danach muss ich mich wieder hinlegen. Von etwa zehn Uhr bis zum frühen Abend liege ich im Bett und versuche, mit den Schmerzen und der Erschöpfung zurechtzukommen.
Abends lassen die Symptome manchmal etwas nach. Dann habe ich vielleicht ein oder zwei Stunden Zeit, um Anträge auszufüllen oder Arzttermine zu organisieren.
„Nicht nur wir verschwinden, sondern auch das gesamte Krankheitsbild.“
„Es fühlt sich an wie Gift im Blut“
Welche Symptome belasten dich am meisten?
Es fühlt sich an wie eine Mischung aus schwerer Krankheit, Schlafentzug und einem extremen Kater – als hätte man drei Tage gefeiert, ohne dass vorher eine Party stattgefunden hat.
Dazu kommen Schmerzen, die ich nur als ein Gefühl von Gift im Blut beschreiben kann. Manche Tage oder Wochen sind besonders schlimm.
Am schwierigsten ist jedoch die Belastungsintoleranz, die sogenannte Post-Exertionelle Malaise. Ich habe kaum Kraft, um mich abzulenken oder überhaupt etwas zu tun.
Wünsche für die Zukunft
Was wünschst du dir für die Zukunft?
Ich wünsche mir vor allem wieder ein lebenswertes Leben. Und ich wünsche mir, dass mehr Geld in die biomedizinische Forschung und klinische Studien fließt.
Diese Studien sind wichtig, um besser zu verstehen, wie die Krankheit funktioniert und welche Medikamente helfen könnten.
Außerdem brauchen wir dringend mehr Aufklärung. Viele von uns können das Haus oder sogar das Bett kaum verlassen. Dadurch verschwinden wir aus der öffentlichen Wahrnehmung.
Nicht nur wir verschwinden – auch das Krankheitsbild verschwindet aus dem Bewusstsein der Gesellschaft.
Update Long Covid (01/2025)
- Seit Januar 2025 gibt es in Deutschland eine vertragsärztliche Vergütung für die Behandlung von Long-Covid-Patient*innen.
- Eine klinische Phase-II-Studie zeigte jedoch, dass der Wirkstoff BC 007 bisher keine überlegene Wirksamkeit gegenüber Placebo nachweisen konnte.
Long Covid bleibt für viele Menschen eine unsichtbare Krankheit. Während das öffentliche Interesse an der Pandemie längst nachgelassen hat, kämpfen Betroffene weiterhin mit ihren täglichen Einschränkungen. Für viele bedeutet die Erkrankung nicht nur körperliche Erschöpfung, sondern auch Isolation, Unsicherheit und einen mühsamen Weg durch medizinische und bürokratische Strukturen. Stimmen wie die von Siham machen deutlich, dass hinter dem Begriff Long Covid reale Lebensgeschichten stehen – Menschen, deren Alltag sich plötzlich und dauerhaft verändert hat. Je mehr diese Erfahrungen sichtbar werden, desto größer wird auch der Druck auf Forschung, Medizin und Politik, Lösungen zu finden und Betroffene besser zu unterstützen.
Bildnachweis: @Marek Piwnicki auf Unsplash
Quellen und weiterführende Informationen:

