Männer und mentale Gesundheit
Männer reden nicht. Dieser Satz wirkt harmlos – und kann trotzdem tödlich sein. Denn obwohl Männer statistisch seltener wegen Depressionen oder psychischer Erkrankungen behandelt werden, begehen sie deutlich häufiger Suizid. Viele Belastungen bleiben unsichtbar, weil sie sich anders äußern: in Alkohol, Rückzug, Aggression, Arbeitssucht oder riskantem Verhalten.
Psychische Gesundheit ist deshalb auch eine Frage von Rollenbildern, Erwartungen und gesellschaftlichem Druck. Was passiert, wenn Männer früh lernen, stark zu sein – aber nicht, verletzlich?
Psychische Erkrankungen nehmen zu
Mentale Gesundheit ist ein essenzieller Faktor unserer Lebensqualität, Leistungsfähigkeit und sozialen Teilhabe. Umso erschreckender ist es, dass jede dritte Person jährlich an einer psychischen Erkrankung leidet, wobei sich weniger als die Hälfte in Behandlung befindet. Obwohl Versorgungsangebote deutschlandweit ausgebaut und öfter genutzt werden, sinkt die Häufigkeit psychischer Störungen nicht. Der DAK Psychoreport verzeichnete 2021 sogar einen neuen Fehltage-Höchststand durch psychische Erkrankungen. In den vergangenen zehn Jahren sind Arbeitsausfälle aufgrund psychischer Beeinträchtigungen um 41 % gestiegen. Mit 51,2 % dominierten neurotische Störungen wie Ängste und Anpassungsstörungen sowie affektive Störungen wie etwa Depressionen mit 40,8 %.
In fast allen Lebensphasen scheinen Männer* seltener von psychischen Störungen betroffen zu sein – abgesehen von Ausnahmen wie Suchterkrankungen. Nur im Kindes- und Jugendalter zeigen Jungen bis zu einem Alter von 13 Jahren häufiger psychische Auffälligkeiten, wie Verhaltensprobleme, Hyperaktivität und emotionale Probleme. Dennoch ist die Suizidrate von Männern in allen Altersklassen größer als die der Frauen, obwohl bei ihnen weniger depressive Störungen diagnostiziert werden. Dreiviertel aller vollendeten Suizide werden von Männern verübt.
Sind Frauen tatsächlich stärker psychisch belastet oder leiden viele Männer unbemerkt?
Laut Robert Koch-Institut treten Männer seltener in Kontakt mit Einrichtungen des Gesundheitswesens und nehmen medizinische und nicht medizinische Angebote weniger in Anspruch, während Frauen diese stärker nutzen und dadurch auch eher Hilfe erhalten. So machen 45-50 % mehr Frauen eine Psychotherapie als Männer. Auch für Angebote zur Prävention und Gesundheitsförderung sind Männer meist schwerer zu begeistern.
Des Weiteren wird ein Gender Bias – ein Verzerrungseffekt aufgrund des Geschlechts in der Diagnostik – vermutet, wonach Ärzt*innen häufiger bei Frauen eine Depression diagnostizieren und Männern weniger medizinische Ratschläge geben würden. Psychische Erkrankungen werden bei Männern teilweise auch deshalb nicht erkannt, weil sie häufig ein anderes Verhalten bei der Hilfesuche und andere depressive Symptome zeigen. So treten bei ihnen bspw. häufiger Ärger/Feindseligkeit, Verleugnung, eine Kombination aus Irritabilität, Aggressivität und antisozialem Verhalten, auf und sie begegnen Krisen oft mit erhöhtem Risiko- und Suchtverhalten wie verstärktem Alkohol- und Drogenkonsum, Arbeits- und Spielsucht.
Aber auch sexuelle Störungen und körperliche Beschwerden sind nicht selten. Diese eher männertypischen Symptome sind zum Teil auch nicht in den diagnostischen Kriterien enthalten, wodurch die Screeninginstrumente nicht sensitiv genug auf eine Depression bei Männern anschlagen. Daher wird nicht nur bei depressiven Störungen von einer Unterdiagnostizierung bei Männern ausgegangen. Auch Essstörungen gelten als ein „weibliches“ Problem, während männliche Betroffene diese überwiegend verleugnen und sich seltener behandeln lassen. Zielgruppenspezifische Aufklärungs- und Präventionsmaßnahmen sowie Therapiekonzepte gibt es hierfür kaum.
Männer sind anders gefährdet
Auch im Hinblick auf die Risikofaktoren unterscheiden sich Männer von Frauen. Für sie scheinen Arbeitslosigkeit, Gratifikationskrisen, Alleinleben, Trennung, Scheidung oder Tod der Partnerin/des Partners bedeutsamere Faktoren zu sein, während für Frauen das alleinige Aufziehen der Kinder, Erwerbslosigkeit mit mehreren Kleinkindern, geringes Bildungsniveau oder die Pflege von Angehörigen ein besonderes Risiko darstellen. Sexuelle Gewalterfahrungen im Kindesalter resultieren meist in schwerwiegenden psychischen Problemen.
Da laut Kriminalstatistik Mädchen und Frauen häufiger davon betroffen sind, aber Jungen sowie Männer diese häufig anders kompensieren, können diese traumatischen Erlebnisse ebenfalls bei den Unterschieden in der Häufigkeit psychischer Erkrankungen mit hineinspielen.
Personen aus ärmeren Haushalten mit einem niedrigen sozioökonomischen Status, marginalisierte Minderheiten, heimatvertriebene oder bereits chronisch kranke Menschen sind besonders gefährdet, eine psychische Erkrankung zu entwickeln. Psychisch Erkrankte wiederum tragen ein höheres Risiko, stigmatisiert, diskriminiert und sozial ausgegrenzt zu werden oder zu verarmen. Die Erkrankung kann auch zu einer Behinderung oder zum frühzeitigen Tod führen. Menschen mit psychischen Erkrankungen sterben rund 20 Jahre früher als die Allgemeinbevölkerung. Dabei sind die meisten Todesfälle auf Komorbiditäten nichtübertragbarer Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Krebs zurückzuführen, die nicht richtig erkannt oder behandelt wurden. Chronische Erkrankungen und psychische Störungen stehen in enger Wechselwirkung und weisen häufig dieselben Risikofaktoren auf.
Macht die Männerrolle kollektiv krank?
Beim Thema Männer und mentale Gesundheit spielen individuelle und soziale Faktoren eine wesentliche Rolle, wenn es darum geht, sich Hilfe zu suchen und in Anspruch zu nehmen. Wesentliche Faktoren hinsichtlich der Unterdiagnostizierung psychischer Erkrankungen sind das männliche Rollenverständnis und die Erwartungen an Männer stark, unabhängig, statusstrebend und risikobereit zu sein. Nach dem traditionellen Selbstkonzept hegemonialer Männlichkeit – ein weiteres fatales Vermächtnis des Patriarchats – sind Männer außerdem robust, tough und mit einem unerschütterlichen Selbstvertrauen und körperlichem Durchhaltevermögen ausgestattet. Hierdurch werden Machtverhältnisse und Privilegien hergestellt sowie Anerkennung gesichert. Krankheit bedroht dieses Männlichkeitsbild. Hilflosigkeit, Unsicherheit und Traurigkeit werden als weiblich, schwach und damit als „unmännlich“ abgetan und stigmatisiert.
Die Angst, Ansehen, Autonomie und „Männlichkeit“ zu verlieren, ist immer noch sehr groß. So kommt es zu Unterschieden in der Wahrnehmung, Bewertung und Kommunikation von gesundheitlichen Beeinträchtigungen, aber auch hinsichtlich gesundheitsrelevanter Verhaltensweisen und der Inanspruchnahme von Versorgungsleistungen.
Suchen Männer bei mentaler Gesundheit seltener Hilfe?
Traditionelle Männerrollen, die zu einer höheren Risikobereitschaft, niedrigeren Achtsamkeit für den eigenen Körper wie auch zu einer ungesünderen Lebensweise beitragen, können psychische und physische Krankheiten und ein frühzeitiges Ableben begünstigen. Männer sterben im Schnitt fünf Jahre früher als Frauen. Trotz schlechterer Gesundheit fällt es Männern oft noch schwer, achtsamer mit sich umzugehen, Schwächen und emotionale Bedürfnisse zu äußern sowie die mit Hilfe verbundenen Abhängigkeitsbeziehungen zu ertragen. Insbesondere bei marginalisierten Männern, wozu auch schwule Männer zählen, kann Risikoverhalten exzessiv werden, etwa in Form von Suchtmitteln, Sport, sexuellen Risiken oder auch Gewalt.
Auf dem Männerkongress 2014 ging Prof. Matthias Franz so weit, die zerstörerischen Aspekte der Männerrolle als „kollektive psychosomatische Erkrankung“ zu bezeichnen. Er setzte sich mit der Frage auseinander, warum manche Männer lieber an krankmachenden Verhaltensweisen festhalten, anstatt sich mit ihrer Angst, Wut und Trauer, Bindungs- und Triebwünschen auseinanderzusetzen und sich therapeutisch behandeln zu lassen. Er führte dies auf Beeinträchtigungen in der männlichen Identitätsentwicklung zurück, begünstigt durch verschiedene frühkindliche Beziehungsprobleme mit den Eltern und oft abwesenden Vätern, einer Entwertung und Geringschätzung von Männlichkeit in den Medien oder neuen hohen und idealisierten Ansprüchen: Denn plötzlich muss man(n) ein emphatischer, entspannter Partner und Vater sein, der zugleich stark und erfolgreich ist und nicht schwächelt.
Zwischen Stärke und Überforderung
„Ein echter Mann kennt keinen Schmerz.“ „Männer weinen nicht.“ „Männer zeigen keine Gefühle.“ Wir alle kennen diese Sätze und die immer noch vorherrschenden Klischees über starke Männer und gefühlsbetonte Frauen. Doch sind wir uns bewusst, was für verheerende Folgen sie auf die männliche Gesundheit und Psyche haben können?
Männer nutzen oft den Konsum von Alkohol oder/und anderen Substanzen zur Bewältigung von Konflikten und als Ersatz für blockierte Gefühlswahrnehmungen. Denn unter Alkohol dürfen auch harte Männer mal Gefühle zeigen und je trinkfester, desto härter, stärker und ausdauernder gilt er. Das sind beste Voraussetzung für eine Abhängigkeitserkrankung.
Warum Männer häufiger Suizid begehen
Der Spruch „Männer machen keine halben Sachen“ könnte nicht dramatischer sein, wenn ein vollendeter Suizid zum Ausdruck von Männlichkeit wird. Nach dem Motto „handeln, nicht reden“ wird auch die Wahl der Suizidmethode durch die Geschlechterrolle beeinflusst – oder um es in den Worten von Prof. Franz auszudrücken: „Frauen leiden, Männer sterben“. Frauen wählen Methoden, mit denen selten ein tödlicher Ausgang verbunden ist, wie z.B. eine Tabletten- oder Drogenüberdosierung. Männer hingegen greifen häufiger zu den „harten“ Methoden wie Erhängen, Abgasinhalation, sich z. B. vor einen Zug werfen/legen oder Erschießen. Hoher Leistungsdruck, ständige Erreichbarkeit und soziale Krisen lösen bei Männern häufiger suizidale Versuche mit tödlichem Ausgang aus.
Ältere Männer besonders gefährdet
Während Suizidversuche bei Frauen im Alter abnehmen, erhöhen sich die Suizide bei älteren Männern nochmals erheblich. Weltweit ist die Altersgruppe über 75 am meisten betroffen. Mit Eintritt in den Ruhestand fällt oft eine wichtige Quelle des männlichen Selbstwertgefühls weg, denn der Beruf stiftet Sinn und entscheidet über die Stellung in der Gesellschaft. Neben zunehmenden körperlichen Gebrechen kommen mit dem Alter auch der Verlust von Sozialkontakten oder gar des Ehepartners hinzu.
Die Studienlage zeigt überdies, dass homo- und bisexuelle Männer besonders von Suizidversuchen und deren Vollendung betroffen sind. Risikofaktoren hierfür sind im Zusammenhang mit einer psychischen Erkrankung zu finden: fehlende soziale Unterstützung, diskriminierende Erfahrungen oder der HIV-Status. Im Allgemeinen ist Selbstmord immer multifaktoriell bedingt und dabei spielen individuelle wie auch gesellschaftliche Faktoren eine Rolle.
Maßnahmen müssen Männer in ihrer Lebenswelt abholen
Zunächst werden gendersensible Diagnostikinstrumente sowie Fachpersonal benötigt, das auf mögliche Geschlechtsunterschiede geschult ist. Aufgrund der Unterschiede im Gesundheitsverhalten ist eine geschlechterdifferenzierte Herangehensweise erforderlich. Auch Männer sorgen sich um ihre Gesundheit. Jedoch zeigen Umfragen, dass die bestehenden Angebote häufig als zu schwer erreichbar oder als zu unattraktiv empfunden werden. Was männerfreundliche Versorgungsangebote auszeichnet, muss demnach weiter erforscht werden. Es gilt, das seelische Wohlergehen frühzeitig zu schützen und zu fördern, um Erkrankungen präventiv entgegenzuwirken.
Obwohl es bereits Männergesundheitsförderung als ressourcenorientierten Ansatz gibt, ist die geschlechtssensible Prävention und Förderung der psychischen Gesundheit noch nicht weit genug verbreitet. Das Merkmal Geschlecht muss noch mehr in Handlungskonzepte einbezogen werden, um geschlechtsbezogener Ungleichheit entgegenzuwirken. Hierfür reichen keine vereinzelten Modellprojekte. Vielmehr benötigt es eine bundesweite Strategie. Diese muss am Verhalten wie auch an den Verhältnissen ansetzen, für Aufklärung und Entstigmatisierung sorgen sowie ressourcenorientiert und partizipativ die individuellen und kollektiven Bedarfe und Bedürfnisse von Männern in all ihren Lebensphasen in den Fokus stellen.
Männer in ihrer Lebenswelt erreichen
Maßnahmen müssen Männer in ihrer Lebenswelt abholen. Es braucht demnach verschiedene Zugänge bspw. über die Arbeit, Familie, Freizeitaktivitäten und auch mehr virtuelle und anonymere Angebote, wie bspw. Videosprechstunden oder das Männergesundheitsportal der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).
Dysfunktionale Männerbilder und Rollenzuschreibungen stellen ein ausgeprägtes Gesundheitsrisiko für Männer dar. Daher ist ein besseres Verständnis von männlicher Identitätsentwicklung nötig. Männer wie deren Partner*innen, Arbeitgeber*innen, Eltern und Freund*innen müssen anerkennen, dass auch „echte Männer“ unsicher, traurig, ängstlich oder gar depressiv sind und nicht immer für alles eine Lösung wissen, sondern dass jeder Mann auch durch Krisen geht.
Auch Männer dürfen Gefühle zeigen und mal eine starke Schulter zum Anlehnen brauchen. Auch Männer dürfen ihre vielfältigen Facetten leben. Gerade bei den jüngeren Generationen scheint sich das Rollenverständnis langsam zu verändern. Es gibt bereits Vorreiter, wie bspw. therapeutische Männergruppen, in denen positive Maskulinität gefördert wird, damit sie durch die vertrauensvolle Beziehungsaufnahme zu anderen zu einer gesunden männlichen Identifikation und Ich-Stärke gelangen.
Mentale Gesundheit darf kein Tabu bleiben
Jede*r von uns wird im Lauf des Lebens mit psychischen Erkrankungen in Kontakt kommen – als selbst Betroffene*r oder Freund*in, Kolleg*in oder Angehörige*r. Niemand ist davor gefeit, selbst betroffen zu sein. Daher ist es wichtig, dass wir gesamtgesellschaftlich sowie jede*r für sich, die noch bestehenden Stigmata und Unsicherheiten bezüglich psychischer Probleme abbauen.
Niemand sollte Angst haben, offen über seine Beschwerden zu reden oder sich abgewertet, unverstanden und alleingelassen zu fühlen. Denn je länger man(n) versucht, „irgendwie allein damit klarzukommen“, desto schlimmer wird das Leid – ggf. bis zum Tod. Daher wird es Zeit, endlich mit den Tabus bezüglich mentaler Gesundheit und Krankheit zu brechen.
Tipp:
Du fühlst dich gestresst, ausgebrannt und niedergeschlagen? Hier kannst du testen, ob bei dir die Gefahr einer Depression besteht: https://www.stiftung-maennergesundheit.de/seelische-gesundheit
Autorin Katharina M. Engel engagiert sich für Gesundheitsförderung, soziale Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Menschenrechte. Ihr Fokus liegt auf der Verbesserung der Gesundheit marginalisierter Gruppen durch einen integrativen Ansatz, der Forschung, systemisches Denken und partizipative Methoden verbindet.
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