Masturbation: Die intimste Beziehung deines Lebens

Hand hält einen Kaktus im Topf vor gelbem Hintergrund. Masturbation und Intimität

Masturbation gehört zu den Dingen, die für sehr viele Menschen selbstverständlich sind und über die erstaunlich selten offen gesprochen wird. Zwar ist das Thema längst nicht mehr so tabu wie noch vor wenigen Jahrzehnten, doch irgendwo zwischen Pornhub, Wellness-Ratgebern und peinlichem Schweigen scheint uns der entspannte Umgang damit verloren gegangen zu sein.

Dabei ist Selbstbefriedigung wahrscheinlich die ehrlichste Form von Intimität überhaupt. Kein Smalltalk. Keine Dating-App. Keine Erwartungen. Kein Leistungsdruck. Nur ein Mensch und sein eigener Körper.

Und manchmal vielleicht eine getragene Socke, die hoffentlich anschließend ihren Weg in die Waschmaschine findet.

Die erste Liebesbeziehung beginnt mit uns selbst

Noch bevor wir unseren ersten Kuss erleben oder unsere erste große Liebe finden, lernen wir unseren eigenen Körper kennen. Kinder entdecken neugierig, was sich gut anfühlt. Erst später entsteht daraus häufig Scham. Plötzlich gibt es Regeln. Türen werden abgeschlossen. Eltern klopfen nicht immer. Religionsunterricht, Pornografie, Schulhofwitze und gesellschaftliche Erwartungen mischen sich ein.

Irgendwann wird aus einer ganz normalen Körpererfahrung etwas, worüber viele Menschen lieber schweigen.

Dabei ist Masturbation weder ein Zeichen von Einsamkeit noch ein Ersatz für Sex. Sie ist zunächst einmal eine Form der Selbstwahrnehmung. Wer den eigenen Körper kennt, weiß meist auch besser, was sich gut anfühlt – und was nicht.

Pornos sind keine Gebrauchsanweisung

Viele Menschen lernen Sexualität heute nicht mehr durch Aufklärung oder eigene Erfahrungen kennen, sondern durch Pornografie.

Daran ist zunächst nichts Verwerfliches. Pornos können neugierig machen, Fantasien anregen oder einfach unterhalten. Problematisch wird es erst dann, wenn aus Unterhaltung eine Gebrauchsanweisung wird.

Kaum jemand würde nach einem Actionfilm glauben, Autofahren bestehe ausschließlich aus Explosionen und Verfolgungsjagden. Bei Pornografie vergessen wir diesen Unterschied erstaunlich oft.

Perfekte Körper. Endlose Erektionen. Orgasmen auf Kommando. Alles scheint mühelos zu funktionieren. Das reale Leben sieht meistens deutlich entspannter aus.

Der Körper kennt keinen Leistungsdruck

Gerade deshalb kann Masturbation etwas sein, das im Sex mit anderen manchmal verloren geht: völlige Freiheit.

Niemand bewertet unseren Bauch. Niemand kommentiert unsere Geräusche. Niemand fragt sich, ob wir attraktiv genug aussehen oder lange genug durchhalten. Der eigene Körper muss niemandem gefallen.

Diese Freiheit kann auch gesundheitlich eine Rolle spielen. Sexuelle Erregung und Orgasmus gehen mit komplexen körperlichen Reaktionen einher und können Entspannung und Wohlbefinden fördern. Dabei sind verschiedene Botenstoffe und Hormone beteiligt. Viele Menschen berichten außerdem, nach einem Orgasmus leichter einzuschlafen oder sich entspannter zu fühlen.

Natürlich ersetzt Masturbation weder eine liebevolle Beziehung noch psychotherapeutische Unterstützung. Aber sie erinnert uns an etwas Grundlegendes: Der wichtigste Mensch, mit dem wir unser ganzes Leben verbringen, sind wir selbst.

Scham ist ein schlechter Sexualberater

Interessanterweise schämen sich viele Erwachsene noch immer für etwas, das medizinisch völlig normal ist.

Manche glauben, Selbstbefriedigung sei nur etwas für Singles. Andere denken, wer in einer glücklichen Beziehung lebt, müsse darauf verzichten. Beides stimmt nicht.

Studien zeigen seit Jahren, dass Masturbation unabhängig vom Beziehungsstatus zum Sexualleben vieler Menschen gehört. Sie konkurriert nicht zwangsläufig mit Partnerschaft oder Sex. Häufig ergänzt sie beides.

Schwieriger wird es erst dann, wenn Scham den Umgang mit dem eigenen Körper bestimmt. Wer gelernt hat, dass Lust etwas Verbotenes ist, nimmt diese Botschaft oft bis ins Erwachsenenalter mit. Das betrifft Frauen ebenso wie Männer – wenn auch auf unterschiedliche Weise.

Masturbation zwischen Achtsamkeit und Algorithmus

Gleichzeitig verändert sich Masturbation gerade stärker als jemals zuvor.

Dating-Apps, soziale Medien, Cam-Plattformen und jederzeit verfügbare Pornografie sorgen dafür, dass sexuelle Reize praktisch rund um die Uhr präsent sind. Das ist weder grundsätzlich gut noch grundsätzlich schlecht. Aber es verändert unsere Aufmerksamkeit.

Vielleicht lohnt es sich deshalb, den Blick gelegentlich wieder nach innen zu richten. Ohne Bildschirm. Ohne Likes. Ohne Vergleich. Einfach neugierig darauf, wie sich der eigene Körper anfühlt.

Nähe beginnt manchmal allein

Unser Schwerpunktthema heißt Nähe. Die meisten denken dabei zuerst an Partnerschaft, Familie oder Freundschaft. Vielleicht beginnt Nähe aber an einer ganz anderen Stelle. Nämlich dort, wo wir aufhören, unseren eigenen Körper als Problem zu betrachten.

Wer sich selbst mit Neugier, Humor und Freundlichkeit begegnet, schafft die Grundlage für jede andere Form von Intimität. Denn Nähe entsteht nicht erst zwischen zwei Menschen. Manchmal beginnt sie, wenn morgens jemand im Spiegel zurücklächelt.

Fünf Fakten über Masturbation

  • Stressabbau: Ein Orgasmus kann zur Entspannung beitragen und das Wohlbefinden fördern.
  • Besser schlafen: Viele Menschen berichten nach der Selbstbefriedigung über leichteres Einschlafen und eine bessere Schlafqualität.
  • Kein Zeichen von Einsamkeit: Masturbation gehört für viele Menschen auch in glücklichen Beziehungen selbstverständlich zum Sexualleben.
  • Pornos sind Unterhaltung: Pornografie zeigt Fantasien – nicht den Durchschnitt realer Sexualität.
  • Die Socke ist optional. Hygiene dagegen nicht.

Bildnachweis: @charlesdeluvio auf Unsplash

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