Langwirksame HIV-PrEP: Game Changer mit ungewisser Zukunft
Auf der Münchner Welt-AIDS-Konferenz im Sommer 2024 gab es Standing Ovations für die Präsentation der Studienergebnisse, diesen Sommer hat die EMA ihre Zulassungsempfehlung ausgesprochen: Die injizierbare HIV-PrEP mit dem Wirkstoff Lenacapavir wird in Fachkreisen als echter Durchbruch gefeiert.
Zurecht: Eine langwirksame Spritze, die nur alle 6 Monate verabreicht wird und zuverlässig vor HIV schützt, gilt als Game Changer in der HIV-Prävention. Der Wirkstoff Lenacapavir ist als Medikament mit dem Handelsnamen Sunlenca bereits seit einigen Jahren in der EU zugelassen und auch in Österreich auf dem Markt. Bisher allerdings nur als HIV-Therapie bei Personen, die andere Wirkstoffe nicht vertragen bzw. bei multiresistenter HIV-Infektion.
Überragende Studienergebnisse
In der PURPOSE 1-Studie wurde ein möglicher Einsatz des Wirkstoffs Lenacapavir als PrEP untersucht. Getestet wurde die 6 Monate wirksame Injektion mit Lenacapavir im Vergleich mit der oralen PrEP Emtricitabin/Tenofoviralafenamid (FTC/TAF) oder Emtricitabin/Tenofovirdisoproxilfumarat (FTC/TDF). An der randomisierten, doppelblinden und aktiv kontrollierten Studie nahmen insgesamt 5338 afrikanische, sexuell aktive, HIV-negative Cis-Frauen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren teil. Aufgrund von schlechter Adhärenz bei der oralen PrEP kam es zu 55 HIV-Neuinfektionen. Keine einzige Person infizierte sich in der Lenacapavir-Gruppe. Die Studie wurde aus diesem Grund vorzeitig beendet, um allen Teilnehmer*innen Lenacapavir zur Verfügung stellen zu können.
An der Nachfolge-Studie PURPOSE 2 nahmen insgesamt knapp 3.300 HIV-negative Cisgender- und Transgender-Männer, Transgender-Frauen sowie nicht-binäre Personen, die häufiger Sex mit Partnern hatten, teil. Davon infizierten sich von jenen, die Lenacapavir als Langzeit-Depotspritze erhielten, lediglich zwei Personen (von ca. 2.200 Proband*innen). In der Gruppe, die die orale PrEP in Tablettenform erhielt (ca 1.100 Proband*innen), infizierten sich neun Menschen mit HIV. Lenacapavir reduzierte das Infektionsrisiko damit signifikant.
Adhärenz deutlich verbessert
Die Studienergebnisse zeigen deutlich, dass die langwirksame Injektion der täglichen Tabletteneinnahme in punkto Adhärenz überlegen ist: Vor allem für Risikogruppen in schwierigen Lebensumständen oder mit ungeregelten Tagesabläufen stellt die pünktliche Einnahme von Tabletten nämlich oft ein Problem dar. Hinzu kommt das Stigma: Um die Uhrzeit einzuhalten, müssen die Tabletten oft in der Öffentlichkeit oder am Arbeitsplatz eingenommen werden, was zu unfreiwilligen Outings führen kann. In ärmeren Ländern mit hohen HIV-Inzidenzen kommen noch weitere Probleme hinzu, etwa die engmaschige und regelmäßige Versorgung der Bevölkerung mit der großen Anzahl an Tabletten.
Langwirksame HIV-PrEP: Game Changer mit Fragezeichen
Obwohl die langwirksame PrEP also ein Meilenstein in der HIV-Prävention sein kann, wird sie zunächst – vor allem in Europa und in Österreich – keine große Bedeutung erlangen. Der Grund ist einfach: Eine einzelne Injektion kostet derzeit um die € 30.000.
Besonders für ressourcenschwache Länder mit hohen HIV-Prävalenzen kann die langwirksame PrEP nur dann von Bedeutung sein, wenn die Injektionen in absehbarer Zeit kostengünstig verfügbar sind. Hersteller Gilead hat angekündigt, im Rahmen einer Partnerschaft mit dem Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis and Malaria (Globaler Fonds) über einen Zeitraum von 3 Jahren kostenlose Dosen der Injektion für bis zu 2 Millionen Menschen in ressourcenbeschränkten Ländern mit hoher HIV-Inzidenz zur Verfügung zu stellen. Außerdem wurden bereits Lizenzvereinbarungen mit Generika-Herstellern für Länder mit hoher HIV-Inzidenz getroffen.
Wann und wie die langwirksame PrEP auch in Österreich flächendeckend zum Einsatz kommt, bleibt offen. Man darf jedenfalls gespannt in die Zukunft blicken.
Quellen:
Deutsche Apothekerzeitung (2025): Lenacapavir zur Zulassung empfohlen. URL: https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2025/07/28/lenacapavir-zur-zulassung-empfohlen
Deutsches Ärzteblatt (2025): Globaler Fonds: Arme Länder erhalten vielversprechendes HIV-Medikament. URL: https://www.aerzteblatt.de/news/globaler-fonds-arme-lander-erhalten-vielversprechendes-hiv-medikament-c2de6de3-99c2-4a44-bfb1-607a119c9c6d
HIVandmore.de (2025): EMA-Zulassung für Lenacapavir zur PrEP. URL:https://www.hivandmore.de/aktuell/2025-07/hiv-prep.shtml
Kelley, Colleen et al (2024): Twice-Yearly Lenacapavir for HIV Prevention in Men and Gender-Diverse Persons. In: New England Journal of Medicine, Vol 392, Nr 13, 1261-1276.
Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit der Marienapotheke in Wien.
Bildnachweis: @ TAIFUR auf Stock Adobe
