Chemsex: Mephedron, Crystal Meth und G – und die Frage, warum das alles so gut funktioniert

Allein im Zimmer nach Chemsex – Mann blickt nachts aus dem Fenster in die Stadt

Während die Welt darüber diskutiert, wie man richtig lebt – nachhaltiger, gesünder, bewusster –, sitzt ein Teil der schwulen Welt auf Dating-Apps und verabredet sich zu etwas, das dort „Chill“ heißt. Das ist kein Zynismus. Das ist Parallelrealität. Eine, in der Körper verfügbar sind, Zeit gedehnt wird und Substanzen dafür sorgen, dass sich alles ein bisschen richtiger anfühlt. Oder zumindest einfacher.

Chemsex ist kein Ausrutscher. Es ist kein Unfall. Es ist eine Praxis. Und wie jede Praxis folgt sie einer Logik. Die drei Substanzen, um die es dabei meistens geht, sind bekannt: Mephedron (4-Methylmethcathinon), Crystal Meth (Methamphetamin) und G (GHB/GBL – Gamma-Hydroxybuttersäure bzw. Gamma-Butyrolacton). Was sie tun, lässt sich schnell erklären. Warum sie so gut funktionieren, dauert länger.

Von Verbot zu Verfügbarkeit

Schwuler Sex war lange Zeit kein neutraler Raum. Er war illegal, verfolgt, versteckt. Unter den Nationalsozialisten landeten Männer dafür im KZ. Später kam AIDS und mit ihm eine ganze Generation, die gelernt hat, dass Lust Konsequenzen hat, die über den Moment hinausgehen. Dann kamen die Apps. Plötzlich war alles verfügbar: Körper, Kontakte, Möglichkeiten. Aber Verfügbarkeit ist nicht dasselbe wie Entspannung. Eher im Gegenteil. Wer heute auf Grindr unterwegs ist, bewegt sich durch ein System aus Auswahl, Bewertung und schneller Ablehnung. Nähe ist möglich, aber sie ist nicht selbstverständlich. Und genau hier setzen Substanzen an.

Drei Substanzen, ein System

Mephedron (4-Methylmethcathinon) ist eine Droge, die Nähe beschleunigt. Euphorie, Gesprächigkeit, dieses Gefühl, dass man plötzlich auf derselben Frequenz ist. Das Problem ist nur: Es hält nicht besonders lange. Also wird nachgelegt. Und noch einmal. Irgendwann geht es nicht mehr darum, etwas zu erleben, sondern darum, den Zustand aufrechtzuerhalten. Eine kleine Verschiebung – mit großen Folgen.

Crystal Meth (Methamphetamin) funktioniert anders. Es macht wach. Sehr wach. Der Körper läuft auf einem Level, das im Alltag nicht vorgesehen ist. Müdigkeit verschwindet, Hunger wird irrelevant, Fokus wird absolut. Sex wird zu einer Aktivität, die man ausdehnen kann, theoretisch unbegrenzt. Praktisch gibt es einen kleinen Haken: Der Körper ist kein rein dopaminerg gesteuertes System. Erektionen sind unter Meth keine Selbstverständlichkeit, was erklärt, warum Medikamente wie Sildenafil (Viagra) in diesem Kontext weniger Lifestyle als Infrastruktur sind. Der Geist ist bereit. Der Körper verhandelt noch.

Und dann ist da G (GHB/GBL – Gamma-Hydroxybuttersäure bzw. Gamma-Butyrolacton). Wahrscheinlich die unterschätzteste Substanz in diesem Gefüge. G macht weich. Es nimmt Spannung aus dem System, senkt Hemmungen, verstärkt Körperempfinden. Für viele ist es genau das, was gefehlt hat: weniger Kopf, mehr Gefühl. Das Problem ist nur, dass die Grenze zwischen „genau richtig“ und „zu viel“ extrem schmal ist. Und diese Grenze lässt sich nicht diskutieren. Sie ist physiologisch.

Warum das so gut funktioniert (und genau das das Problem ist)

Wenn man all das zusammenlegt, entsteht kein Chaos, sondern ein erstaunlich funktionales System. Eine Art chemisch unterstützte Antwort auf Fragen, die sich sonst schwerer lösen lassen. Was passiert mit Nähe, wenn sie nicht mehr verhandelt werden muss? Was passiert mit Scham, wenn sie einfach verschwindet? Was passiert mit dem eigenen Körper, wenn er nicht mehr bewertet, sondern benutzt wird? Und vielleicht die unangenehmste Frage: Ist das alles nur Lust – oder auch eine Form von Erleichterung?

Ich habe das lange für eine sehr überzeugende Antwort gehalten. Inzwischen merke ich eher, was dabei verloren geht: ein Gefühl für den eigenen Körper, das sich nicht beliebig herstellen lässt.

Ein kurzer Blick auf eine lange Geschichte

Die Vorstellung, dass Drogen verschwinden, wenn man sie verbietet, wirkt vor diesem Hintergrund fast naiv. Ein kurzer Blick in die Geschichte reicht. Die Opiumkriege im 19. Jahrhundert waren keine moralische Intervention, sondern ein ökonomisches Projekt. Abhängigkeit war kein Kollateralschaden, sondern Teil des Systems. Seitdem hat sich die Rhetorik geändert. Die Nachfrage nicht wirklich. Vielleicht, weil Drogen selten das Problem sind, sondern oft eine Antwort auf eines.

Der Teil, über den man ungern spricht

Der eigentliche Preis von Chemsex wird ohnehin nicht währenddessen bezahlt, sondern danach. Wenn das System herunterfährt. Substanzen wie Mephedron und Meth greifen massiv in den Neurotransmitterhaushalt ein, insbesondere in Dopamin- und Serotoninsysteme. Während des Konsums bedeutet das: hohe Ausschüttung, intensive Wahrnehmung, gesteigerte Motivation. Danach bedeutet es: Leere. Erschöpfung. Reizbarkeit. Das Gehirn ist kein Fan von solchen Extremen. Es reguliert nach. Und dieses „Nach“ fühlt sich selten gut an.

Hinzu kommt der Schlafentzug. Wer 24, 48 oder mehr Stunden wach ist, verliert nicht nur Energie, sondern auch kognitive Stabilität. Gedanken beginnen zu kreisen, Gefühle kippen schneller, Realität wird unscharf. Viele versuchen, diesen Zustand zu beenden, indem sie nachhelfen. Benzodiazepine wie Diazepam sind in diesem Kontext keine Seltenheit. Sie bringen Ruhe in ein überdrehtes System. Kurzfristig. Langfristig verschieben sie das Problem. Der Körper verlernt, sich selbst zu regulieren, während gleichzeitig ein neues Abhängigkeitspotenzial entsteht. Ein Kreislauf, der weniger spektakulär ist als der Konsum selbst – aber oft nachhaltiger.

Was bleibt, ist ein Zustand, der schwer zu greifen ist: zu müde, um klar zu denken, zu wach, um zu schlafen, zu leer, um sich gut zu fühlen. Und genau in diesem Zustand entsteht oft der Impuls, das Ganze zu wiederholen. Nicht aus Hedonismus, sondern aus dem Wunsch heraus, wieder irgendwo anzukommen, wo sich Dinge richtig anfühlen.

Und jetzt?

Chemsex ist weder der Untergang noch eine harmlose Spielart moderner Sexualität. Es ist etwas Drittes. Eine Praxis, die funktioniert – und gerade deshalb riskant ist.

Und vielleicht bleibt am Ende eine Frage, die sich erstaunlich schwer beantworten lässt:

Wenn man weiß, wie es ausgeht – warum macht man es trotzdem wieder?

Oder, etwas weniger pathetisch:

Warum ist etwas, das sich so gut anfühlt, so schwer sein zu lassen?

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